Frankreichs Start-up-Programm French Tech stellt sich 2026 neu auf: Im Next40 und French Tech 120 zählen nicht mehr nur Finanzkennzahlen – sondern, ob Firmen als strategisch für die technologische Souveränität Frankreichs und Europas gelten.
Frankreichs Regierung sendet ein unmissverständliches Signal an die Start-up-Szene: Wer künftig im Schaufenster der „French Tech“ stehen will, muss mehr liefern als schnelles Wachstum und große Finanzierungsrunden. Bei der Vorstellung der Next40- und French-Tech-120-Promotion 2026 wählte der Staat dafür bewusst die Kulisse von Aqemia – einer jungen Firma, die Künstliche Intelligenz und Quantenphysik kombiniert, um die Medikamentenforschung zu beschleunigen.
Präsident Emmanuel Macron flankierte den Kurswechsel mit einem direkten Appell, zu „beschleunigen“ und die europäische technologische Souveränität zu verteidigen. Damit grenzt sich das Programm von den Jahren ab, in denen vor allem Metriken wie Fundraising und internationale Expansion den Ton angaben.
Next40 2026: Schluss mit dem reinen Finanz-Ranking
Über Jahre funktionierte der Next40 wie eine Hitliste der Wachstumschampions. Namen wie BlaBlaCar, Qonto, Doctolib, Back Market oder Contentsquare tauchten immer wieder auf – ausgewählt nach harter wirtschaftlicher Performance. Das brachte Sichtbarkeit für Frankreichs digitale Aushängeschilder, sagte aber wenig darüber aus, wie strategisch relevant diese Firmen für das Land sind.
Mit der Promotion 2026 bricht die Mission French Tech mit dieser Logik. Julie Huguet, Direktorin der Mission French Tech (eine staatliche Einheit zur Förderung des Start-up-Ökosystems), formuliert es ausdrücklich so: „Der French Tech 120 und der Next40 waren lange eine rein wirtschaftliche, faktische Momentaufnahme des Ökosystems.“ Erstmals kommt nun eine explizit politische Dimension hinzu: Ausgewählte Start-ups sollen Kriterien der technologischen Souveränität, der nationalen Wettbewerbsfähigkeit und des Gemeinwohls erfüllen – nicht nur gut aussehende Dashboards vorweisen.
„Die French Tech muss den strategischen Interessen des Landes und dem gesellschaftlichen Fortschritt dienen“, fasst Huguet zusammen. Damit rücken Deeptech und KI-Start-ups in den Vordergrund – und der Next40 wird stärker zu einem Instrument der Industriepolitik.
Von den 5 Mrd. Euro bis zur „nützlichsten“ Unicorn-Strategie

Der Kurswechsel kommt nicht aus dem Nichts. Er fügt sich in eine Linie staatlicher Unterstützung ein, die mindestens bis 2019 zurückreicht: Damals kündigte Macron 5 Mrd. Euro für französische Start-ups in Hyperwachstum an – mit dem erklärten Ziel, binnen zwei Jahren 25 „Einhörner“ zu erreichen. Das Paket setzte auf die Mobilisierung institutioneller Investoren und eine maßgeschneiderte regulatorische Begleitung für Scale-ups, im Fahrwasser des sogenannten Tibi-Berichts.
2026 bleibt die Mechanik ähnlich, doch der Blickwinkel verschiebt sich: Gesucht ist nicht mehr nur das schnellste Unicorn, sondern das, das Frankreich und Europa am meisten nützt.
Pourquoi la French Tech assume sa dimension politique
„Choose European Tech“: Acht Länder schließen sich Frankreich an
Der Vorstoß geht über Frankreich hinaus. Am Rande der Tech-Messe VivaTech startete Frankreich „Choose European Tech“ – eine europäische Erweiterung des Programms „Je choisis la French Tech“. Acht Länder sind Gründungsmitglieder: Belgien, Deutschland, Spanien, Portugal, Tschechien, Rumänien und Serbien – neben Frankreich.
Ziel ist es, öffentliche und private Beschaffung stärker auf europäische Technologien auszurichten. „Das ist eine wichtige Bewegung“, betonte Julie Huguet beim Start. Anne Le Hénanff, beigeordnete Ministerin für KI und Digitales, ergänzte: „Unsere Start-ups sind nicht nur französisch, sie sind auch europäisch.“ Der Satz passt in eine Zeit, in der die EU-Kommission parallel daran arbeitet, Europas digitale Abhängigkeit von den USA und China zu verringern – etwa bei Chips, Cloud und KI.
| Pays membres |
|---|
| France |
| Belgique |
| Allemagne |
| Espagne |
| Portugal |
| République tchèque |
| Roumanie |
| Serbie |
Source : Les Echos
Deeptech und KI im Zentrum – Plattformen verlieren an Gewicht
Der Strategiewechsel zeigt sich auch daran, welche Firmen als Vorbilder dienen. Aqemia, das KI und Quantenphysik für pharmazeutische Forschung verbindet, steht für die neue Priorität: wissenschaftsnahe Technologien mit potenziellem „Dual Use“, verankert in strategischen Sektoren. Schnell wachsende Digitalplattformen ohne tiefen industriellen Kern treten in den Hintergrund.
Der Schritt fällt in eine europäische Debatte darüber, dass KI sich stark in den Händen weniger US-Akteure konzentriert. Arthur Mensch, Chef von Mistral AI, verweist immer wieder auf „Souveränität“ gegenüber dem, was er ein „Oligopol“ nennt. Die neue Next40-Logik stützt diese Sicht institutionell: Der Staat macht deutlich, dass ein französisches Start-up auch für Frankreich nützlich sein soll – nicht nur profitabel für Anteilseigner.
Industriepolitik mit Nebenwirkungen: Wer fällt durchs Raster?
Die Mission French Tech gibt es seit 2013. Dass sie nun offener als industriepolitisches Werkzeug eingesetzt wird, wirft eine praktische Frage auf: Wie lässt sich eine „souveräne“ Auswahl mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit verbinden? Wer „strategische“ Unternehmen bevorzugt, trifft Entscheidungen – und schließt andere aus. Anbieter aus dem Massenmarkt-Digitalgeschäft, Marktplätze oder Fintechs, die nicht berücksichtigt werden, könnten das als Ungleichbehandlung werten.
Julie Huguet hat diese Kritik im Blick. Ihr Argument: Der French Tech 120 bleibt für digitale Champions wie Doctolib, Qonto oder ManoMano offen, doch der Next40 erhält nun eine zusätzliche Ebene politischer Bewertung, die frühere Jahrgänge nicht kannten. Dieses Doppelmodell – wirtschaftlich hier, strategisch dort – wird sich in den nächsten Auswahlrunden beweisen müssen. Spätestens die Promotion 2027 wird zeigen, ob der Souveränitätskurs trägt oder ob am Ende wieder die klassischen Finanzmetriken dominieren.
French Tech 2026 : le virage souveraineté en chiffres
- La promotion 2026 du Next40 intègre pour la première fois des critères de souveraineté technologique, au-delà des seules métriques financières.
- Aqemia, qui utilise l'IA et la physique quantique pour la recherche de médicaments, entre au Next40 et illustre la nouvelle priorité deeptech.
- Le programme Choose European Tech réunit huit pays européens pour doper la commande publique et privée en faveur des technologies du continent.
- Julie Huguet, directrice de la Mission French Tech, assume le repositionnement : la French Tech doit servir les intérêts stratégiques du pays.
- Anne Le Hénanff, ministre déléguée à l'IA et au Numérique, a déclaré que les start-up françaises sont aussi européennes.
Sources
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