Auf der Rüstungsmesse Eurosatory 2026 hat MBDA seinen „Land Cruise Missile“ (LCM) vorgestellt – einen bodengestützten Marschflugkörper großer Reichweite, der direkt vom französischen Marine-Marschflugkörper MdCN abgeleitet ist.
Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Während das französische Heer („armée de Terre“) seine Fähigkeit zur „Frappe dans la profondeur“ – also zu präzisen Schlägen tief im gegnerischen Hinterland – erneuern will, nutzt MBDA die Bühne in Paris, um ein Angebot zu formalisieren, das seit Monaten im Hintergrund kursierte.
Der LCM ist dabei kein Neuentwurf. Er baut auf dem „Missile de Croisière Naval“ (MdCN) auf, der bereits auf französischen Mehrzweckfregatten und atomgetriebenen Jagd-U-Booten der Marine im Einsatz ist. In internen MBDA-Unterlagen lief das System zuvor unter der Bezeichnung „SCALP naval“.
Für MBDA ist diese Abstammung nicht nur technisch, sondern auch strategisch: Wer eine Waffe, deren Zuverlässigkeit im maritimen Umfeld bereits nachgewiesen ist, auf einen Landwerfer überträgt, verkürzt Entwicklungszeiten und senkt das industrielle Risiko. Genau damit wirbt der Konzern bei der DGA – der französischen Rüstungsbeschaffungsbehörde („Direction générale de l’armement“).
Was der Krieg in der Ukraine an Frankreichs Kalkül verändert hat
Die Entstehung des LCM ist eng mit Lehren aus dem Krieg in der Ukraine verknüpft. Der Konflikt habe zwei Entwicklungen gleichzeitig sichtbar gemacht: Angriffe aus der Luft sind bei dichter Flugabwehr extrem riskant – und weitreichende Boden-Boden-Systeme haben sich als entscheidend erwiesen, um Ziele in der Tiefe zu treffen. Genannt werden in diesem Zusammenhang das französische System LRU („Lance-Roquettes Unitaire“), die US-Systeme HIMARS sowie ATACMS.
In der Ukraine eingesetzte SCALP-Marschflugkörper, abgefeuert von Su-24, trafen demnach Munitionsdepots, den Sitz der russischen Schwarzmeerflotte, Schiffe im Hafen sowie Führungszentren. Diese Einsätze stärkten die Glaubwürdigkeit von Marschflugkörpern, die Luftverteidigung durchdringen können – machten aber zugleich die Verwundbarkeit der Trägerflugzeuge deutlich.
Genau hier setzt das Konzept eines mobilen Landwerfers an: Nach dem Abschuss soll er rasch verlegen können, um gegnerischer Gegenbatterie zu entgehen. Der LCM positioniert sich damit als Antwort auf ein Fähigkeitsprofil, das weder das LRU noch die künftigen Thundart-Raketen allein abdecken: sehr weitreichende Präzisionsschläge vom Boden aus, ohne eine Luftbesatzung zu gefährden.
LCM und Thundart: zwei Systeme, zwei Reichweiten

MBDA setzt auf der Eurosatory 2026 nicht auf ein einzelnes Programm. Parallel zum LCM zeigt der Hersteller das System Thundart, das gemeinsam mit Safran entwickelt wird und den LRU ablösen soll. Beide Programme zielen auf unterschiedliche Reichweiten und Zielprofile.
Thundart habe in ersten Tests Leistungen gezeigt, die „supérieures aux attentes“ – also „über den Erwartungen“ – lagen, heißt es in einer MBDA-Mitteilung vom 28. April. Die Boden-Boden-Rakete soll eine Reichweite von mindestens 150 km erreichen. Als Antrieb wird ein Roxel-Triebwerk genannt (Roxel ist eine MBDA-Tochter), die Lenkung basiert auf dem AASM-Guidance-Modul von Safran.
Der Werfer ist als geländegängiger Lkw von Scania France ausgelegt. Er kann acht Raketen transportieren und soll auf der Straße bis zu 80 km/h erreichen – mit dem Ziel, nach dem Schuss ohne Verzögerung die Stellung zu wechseln. In der aktuellen Fassung des französischen Militärplanungsgesetzes LPM 2024–2030 sind 13 Mehrfachraketenwerfer bis 2030 vorgesehen; der Entwurf zur Aktualisierung spricht von 13 bis 26 Systemen bis zum selben Zeitpunkt.
Der LCM zielt auf eine größere Reichweite – in der Klasse dessen, was ATACMS mit 300 km bietet. Nach Darstellung von MBDA schließen sich beide Systeme nicht aus: Sie sollen zwei Ebenen der bodengebundenen Tiefenwirkung bilden – gelenkte Rakete auf der einen, Marschflugkörper auf der anderen Seite.
Pourquoi le LCM pèse sur la souveraineté française
„Vollständig französische“ Zulieferkette – und ein Exportargument
Industriepolitisch betonen MBDA und Safran beim Thundart-Programm eine „intégralement française“ – also vollständig französische – Zulieferkette. Das soll die Versorgung absichern. 2026 ist die Abhängigkeit von ausländischen Komponenten in Frankreich bei praktisch jedem großen Rüstungsprojekt ein politisches Thema.
Beim LCM verfolgt MBDA eine ähnliche Logik: Weil der MdCN als industrielle Basis bereits existiert, sinkt die Unsicherheit. Der Konzern muss keine Produktionskette „bei null“ aufbauen; qualifizierte und bereits in Serie gefertigte Baugruppen des Marineflugkörpers dienen als Fundament. Der Schwerpunkt liegt auf der Anpassung von Startsystem, Missionsplanung und Integration in einen bodengebundenen Werfer – ein Aufwand, den MBDA als begrenzter beschreibt als eine komplette Neuentwicklung.
Gleichzeitig ist es ein Verkaufsargument: MBDA spricht von einer „solution européenne souveraine et intégrée“ – einer souveränen, integrierten europäischen Lösung – für Partner, die ihre Abhängigkeit von US-Raketen reduzieren wollen. Als Kontext wird genannt, dass Washington die Nutzung gelieferter Waffen an Bedingungen knüpfen könne.
Wie schnell kommt das System zur Truppe?
Für den LCM gibt es bislang keinen Auftrag: Die DGA hat nach Angaben des Artikels noch keinen Vertrag notifiziert. Was MBDA auf der Eurosatory 2026 zeigt, ist damit vorerst eine Fähigkeitspräsentation – keine Bestellung. Der Hersteller versucht, den Land Cruise Missile in die Überlegungen zur Aktualisierung der LPM 2024–2030 einzubringen, deren Entwurf bereits eine Stärkung der bodengebundenen Langstreckenwirkung vorsieht.
Beim Thundart ist der Zeitdruck höher. MBDA und Safran erklären, die vom Heer gesetzten Fristen einhalten zu können – gestützt auf Investitionen zum Ausbau der Produktionskapazitäten. Die französische Lieferkette und vorhandene Komponentenbestände sollen diese industrielle Zusage untermauern.
Für den LCM liegt der Zeithorizont weiter in der Zukunft. Doch die Präsentation auf der Eurosatory 2026 markiert einen Schritt: MBDA stellt öffentlich ein strukturiertes Angebot vor – mit klarer technologischer Linie zum MdCN und einer operativen Begründung, die sich stark auf die Lehren aus der Ukraine stützt. Damit liegt dem französischen Heer erstmals eine konkrete Option auf dem Tisch, während mehrere europäische Staaten ähnliche Programme anstoßen, um eine Fähigkeitslücke zu schließen, die sich seit den 1990er-Jahren aufgebaut hat.
| Programme | Portée | Partenaire | Lanceur | Statut LPM 2024-2030 |
|---|---|---|---|---|
| Thundart (roquette) | Au moins 150 km | Safran | Camion Scania France (8 roquettes) | 13 à 26 lanceurs avant 2030 |
| Land Cruise Missile (LCM) | Très longue portée (classe ATACMS : 300 km) | MBDA seul (base MdCN) | Lanceur terrestre dédié | Pas encore notifié |
Source : Air & Cosmos / La Tribune, Zone Militaire
Land Cruise Missile MBDA : les données clés à retenir
- Le Land Cruise Missile est dérivé du Missile de Croisière Naval, déjà en service sur les frégates et sous-marins de la Marine nationale.
- Le Thundart, co-développé avec Safran, a réussi des premiers essais aux performances 'supérieures aux attentes' selon MBDA (communiqué du 28 avril 2026).
- La chaîne de sous-traitance du Thundart est décrite comme intégralement française par MBDA et Safran.
- Le lanceur du Thundart est un camion tout-chemin Scania France transportant huit roquettes et roulant à 80 km/h.
- La LPM 2024-2030 prévoit entre 13 et 26 lanceurs multiples dans son projet d'actualisation.
- Aucun contrat LCM n'a été notifié par la DGA à ce stade : la présentation d'Eurosatory reste une offre industrielle.
Sources
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