Seit 1966 läuft es ohne Unterbrechung: Das Gezeitenkraftwerk an der Rance, zwischen Dinard und Saint-Malo im Département Ille-et-Vilaine, feiert 2026 sein 60-jähriges Bestehen. Es ist die einzige Anlage dieser Art, die in Frankreich noch in Betrieb ist – und weltweit eines der wenigen Kraftwerke, die die kinetische Energie der Gezeiten in dieser Größenordnung nutzen.
Der runde Geburtstag fällt in eine Phase, in der erneuerbare Energien in Industrie und Politik so stark gewichtet werden wie selten zuvor. Die Rance-Anlage gilt dabei als frühes, bis heute sichtbares Beispiel dafür, wie sich Naturkräfte technisch nutzbar machen lassen – dauerhaft und ohne fossile Brennstoffe.
Ein Projekt aus der Nachkriegszeit – gebaut mit dem Mut der 1960er
Die Idee reicht in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Damals ging es darum, Alternativen zu Kohle und Öl zu finden. Die Rance bot dafür außergewöhnliche Voraussetzungen: Der Tidenhub kann dort mehr als zehn Meter betragen – ein natürliches Potenzial, das kaum zu übersehen war.
Die Anlage wurde so konzipiert, dass sie den Höhenunterschied zwischen Ebbe und Flut nutzt: Turbinen drehen in beide Richtungen. Für die damalige Zeit war das eine ingenieurtechnische Leistung, die einen massiven Eingriff in die Landschaft erforderte – unter anderem den Bau eines rund 750 Meter langen Damms quer durch das Ästuar.
Seit sechs Jahrzehnten produziert das Kraftwerk regelmäßig Strom – ohne fossilen Brennstoff und ohne direkte CO2-Emissionen. Dass die Anlage so lange durchhält, wird im Artikel sowohl auf die robuste Konstruktion als auch auf die kontinuierliche Wartung zurückgeführt.
Ein industrielles Wahrzeichen zwischen Dinard und Saint-Malo
Das Jubiläum ist auch ein regionales Ereignis: Dinard, auf der linken Seite des Damms, wird mit der Infrastruktur ebenso verbunden wie mit Stränden und seiner Seebad-Architektur. Das Kraftwerk bleibt dort – 60 Jahre nach der Inbetriebnahme – der sichtbarste industrielle Fixpunkt.
Als Schlaglicht auf die wirtschaftliche Aktivität vor Ort nennt der Artikel ein aktuelles Detail: In Dinard gibt es seit September 2025 die lokale Handelsstruktur „L’Entre Deux“, eine SAS, gegründet am 22. September 2025. Der Sitz liegt laut offiziellen Daten von INSEE und INPI (abrufbar über data.gouv.fr) in der 20 rue du Maréchal Leclerc; Präsident ist Dylan Rinaldi.
Warum Frankreich die Rance kaum kopiert hat
Eine breite Nachahmung blieb in Frankreich aus – vor allem aus geografischen Gründen. Geeignete Ästuare sind selten: Es braucht sowohl einen ausreichend großen Tidenhub als auch eine Konstellation, die den Bau eines solchen Bauwerks überhaupt zulässt.
Inzwischen werden andere Ansätze verfolgt, etwa Meeresströmungskraftwerke (hydrolienne), die ohne Damm auskommen und Strömungen direkt nutzen. Der Artikel verweist dabei auf Projekte im Raz Blanchard und im Fromveur. Doch keines habe bislang die industrielle Reife der Rance-Anlage erreicht.
Sechs Jahrzehnte nach dem Start bleibt das Gezeitenkraftwerk an der Rance damit ein Referenzpunkt der französischen Energiegeschichte – und ein greifbares Argument in Debatten über die Diversifizierung des nationalen Strommix.
