KNDS hat auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Villepinte bei Paris einen neuen „Übergangs“-Kampfpanzer vorgestellt: CAPINT („CAPacité INTermédiaire“). Das Konzept soll den französischen Leclerc ab 2035 ablösen – und damit eine Lücke schließen, falls das deutsch-französische Zukunftsprojekt MGCS nicht rechtzeitig einsatzbereit ist.
Der Ansatz ist politisch wie industriell brisant: CAPINT kombiniert ein Fahrgestell, das von der neuesten Version des deutschen Leopard 2A8 abgeleitet ist, mit der ferngesteuerten französischen ASCALON-Turm-Lösung von KNDS France. KNDS reagiert damit auf eine Frage, die Paris seit Jahren umtreibt: Was kommt nach dem Leclerc, wenn der gemeinsame Nachfolger weiter rutscht?
Hintergrund ist der massive Zeitverzug beim MGCS (Main Ground Combat System). Das Programm wurde 2017 gestartet, um Leopard 2 und Leclerc gemeinsam zu ersetzen. Nach Angaben der französischen Verteidigungsministerin Catherine Vautrin hat sich MGCS um rund zehn Jahre verschoben – unter anderem, weil Berlin parallel das Programm Leopard 3 angestoßen hat.
CAPINT: Leopard-2A8-Basis trifft französischen ASCALON-Turm
Die Architektur kommt nicht aus dem Nichts. Patrick Pailloux, Frankreichs Generaldelegierter für Rüstung (DGA, Direction générale de l’armement), hatte sie bereits in einer Anhörung im Senat skizziert: „Die Wahl eines französischen Turms auf einem deutschen Fahrgestell ist zweifellos die rationalste und schnellste.“ Genau diese Formel hat KNDS am 15. Juni in Villepinte offiziell gemacht.
In der eigenen Vorstellung beschreibt der Konzern das System so: „Basierend auf einem verbesserten Fahrgestell, abgeleitet von der letzten Version des Leopard 2A8, und ausgestattet mit einem ferngesteuerten ASCALON-Turm von KNDS France, ist CAPINT der Vorschlag von KNDS für das neue französische gepanzerte Kampfsystem.“
Der Turm ist mehr als ein technisches Detail. ASCALON („Autoloaded and SCALable Outperforming guN“) steht für ein 140‑mm‑Geschütz – und damit für einen Kernkonflikt im MGCS: Rheinmetall hatte versucht, eine eigene 130‑mm‑Turmlösung durchzusetzen und sich nicht auf das französische Kaliber festzulegen. Dass KNDS ASCALON nun mit CAPINT sichtbar macht, wird in Paris als Signal Richtung Berlin verstanden: Frankreich will die Kontrolle über die Referenzmunition für den künftigen Panzer behalten und seine Verhandlungsposition im Gemeinschaftsprogramm nicht preisgeben.
MGCS im Schatten: Zukunftsprojekt mit langem Atem – und anhaltenden Spannungen
Die CAPINT-Präsentation hat die Debatte über die Zukunft des MGCS sofort neu angefacht. Einige Beobachter werteten sie als ersten Schritt in Richtung Ausstieg aus dem deutsch-französischen Programm – nur eine Woche nach dem Stopp beim SCAF, dem geplanten künftigen Kampfflugzeug.
Pailloux widersprach dieser Lesart am Rande von Eurosatory. „MGCS ist nicht in derselben Logik konzipiert, in dem Sinne, dass wir nicht die industrielle Problematik haben, die wir beim Scaf hatten“, sagte er. Er verwies darauf, dass MGCS nur auf zwei Industriepartnern beruhe: KNDS und Rheinmetall.
Gleichzeitig räumte Pailloux Kostendruck ein. Er zeigte sich „vernünftig optimistisch“ für die Zukunft des Projekts, sprach aber auch von „Angeboten der Industrie, die zu teuer sind“, und von laufenden Verhandlungen über „den Kostenvoranschlag der nächsten Phasen“.
Die DGA hatte nach Angaben aus dem Umfeld des Programms zwischenzeitlich auch erwogen, Übergangspanzer direkt in Deutschland zu beschaffen – eine Option, die nun offenbar zugunsten von CAPINT beiseitegelegt wurde. Vautrin hatte den Anspruch im April klar definiert: „Die Herausforderung dieser Zwischenfähigkeit ist, dass sie der erste Baustein des MGCS ist. Sie wird nicht der letzte Panzer der alten Generation sein, sondern der erste Panzer der neuen Generation.“
Parlament und Industrie ziehen in dieselbe Richtung
Auch politisch ist CAPINT eingebettet. In der französischen Nationalversammlung war das Problem bereits bei der Aktualisierung des Militärplanungsgesetzes LPM 2024–30 adressiert worden: Ein Änderungsantrag verlangte Studien „zur Definition der Fähigkeit, die dem Leclerc-Panzer nachfolgt“, mit Priorität für „die Kompetenzen der nationalen Industrie“. Die CAPINT-Vorstellung auf der Eurosatory folgt dieser Linie.
Offen bleibt die Kaliberfrage im Zusammenspiel mit MGCS. KNDS hat ASCALON mit 140 mm erkennbar als Trumpf für das MGCS bewahrt, wo das System als zentrales Argument von Paris gegenüber Rheinmetall gilt. Eine zu frühe Festlegung im Übergangsstandard hätte nach Darstellung aus dem französischen Umfeld die technologischen Teilungsabsprachen zwischen beiden Ländern für den Zukunftspanzer mit Zielhorizont 2040 belasten können. Die CAPINT-Konfiguration soll dieses Gleichgewicht halten – und der französischen Armee zugleich eine belastbare Perspektive für die Zeit nach dem Leclerc geben.
Pailloux nannte in jüngsten Gesprächen 2035 als Stichtag für die Lieferung des ersten CAPINT. MGCS bleibt demnach ein sehr langfristiges Forschungs- und Entwicklungsprogramm – ohne stabilisierten Lieferkalender.
