VivaTech geht in Paris in die zehnte Runde – größer als je zuvor und politischer aufgeladen. Auf 70.000 m² rückt die Messe digitale Souveränität ins Zentrum, während transatlantische Spannungen Europas Tech-Entscheidungen härter machen.
Der Auftakt fand am Sonntag auf den Champs-Élysées statt, bevor die VivaTech von Mittwoch, 18. Juni, bis Freitag, 20. Juni, das Gelände der Paris Expo an der Porte de Versailles bespielt. Veranstaltet wird das Event gemeinsam von der Mediengruppe Les Echos–Le Parisien. Die Ausstellungsfläche wächst auf 70.000 m² – nach 50.000 m² bei der vorherigen Ausgabe.
170 Länder sind vertreten, 60 nationale Pavillons aufgebaut. Zum Vergleich: 2025 kamen laut den Organisatoren 180.000 Besucherinnen und Besucher, 14.000 Start-ups und 3.500 Aussteller aus 171 Ländern nach Paris.
„KI, Wirkung, keine Illusion“: VivaTech will weg von Show, hin zu Anwendungen
Das offizielle Motto lautet in diesem Jahr: „Intelligence artificielle, impact, pas illusion.“ Übersetzt: KI soll Wirkung entfalten – nicht nur Illusion erzeugen. Dahinter steckt der Anspruch, weniger spektakuläre Demos zu liefern und stärker konkrete Einsatzfelder zu zeigen: von Cybersicherheit über Gesundheit bis zu grünen Technologien.
Deutschland als Ehrengast – Signal gegen Abhängigkeit von US-Hyperscalern
Bemerkenswert ist vor allem, wer diesmal nicht im Mittelpunkt steht: Die Ehrengastrolle geht nicht an die USA, sondern an Deutschland. Mit dabei ist eine Delegation von knapp 200 Start-ups – von KI bis Greentech. Auch der deutsche Digitalminister Karsten Wilderger wird in Paris erwartet, ebenso Führungskräfte von Siemens und SAP.
Die Auswahl ist politisch lesbar: Sie spiegelt den französisch-deutschen Anspruch, gegenüber US-Hyperscalern und chinesischen Tech-Konzernen gemeinsam Gewicht aufzubauen – in einem Klima angespannter Beziehungen zu Washington.
Passend dazu stellt die Caisse des Dépôts – eine französische öffentliche Institution, die seit mehr als 200 Jahren im Auftrag des Gemeinwohls investiert – bei VivaTech ihre digitale Strategie vor und setzt dabei auf Souveränität. „Kollektives Handeln hat mehr Wirkung als individuelle Anstrengungen: Innovation entsteht nie isoliert“, fasst die Institution ihre Linie zusammen.
Regionale Tech-Offensive: Oreus, Vocast und Sharing Worker drängen nach vorn
Nicht nur Pariser Großkonzerne prägen die Messe. In dieser Ausgabe treten regionale Akteure auffällig selbstbewusst auf – allen voran Oreus. Das Projekt wird von einem zu 100 Prozent marseiller Konsortium getragen und positioniert sich als französische Alternative zu globalen Hyperscalern.
Der Start ist groß dimensioniert: Oreus nennt ein Anfangsinvestment von 800 Mio. Euro, gestützt durch emiratisches Kapital. Die Plattform soll souveräne Rechenleistung mit Werkzeugen zur Entwicklung von KI-Agenten verbinden. Geplant sind zudem „KI-Campus“ in Marseille und Aix-en-Provence, um lokale Talente auszubilden und zu inkubieren.
Ebenfalls aus Marseille kommt Vocast: Das Start-up setzt auf Sprachnachrichten als Kern von Kundenschnittstellen – mit dem Ziel, als „zu kalt“ empfundene Nutzerwege wieder menschlicher zu machen und Audio als Träger einer neu gedachten Kundenbeziehung zu etablieren.
Sharing Worker aus Meyreuil wiederum nutzt IoT-Technik zum Schutz von Beschäftigten auf Baustellen. Sensoren sollen Risiken von Kollisionen und Stürzen in Echtzeit erkennen. Drei Firmen, drei Ansätze – verbunden durch eine gemeinsame Linie: Innovation, die im Territorium verankert ist und operativ funktionieren soll.
Auch die Region Nouvelle-Aquitaine setzt ein Zeichen: Ihre Delegation ist im Vergleich zur vorherigen Ausgabe zu 80 Prozent erneuert.
La Poste, GE Vernova, Capgemini: Konzerne setzen ebenfalls auf Souveränität
Die großen Gruppen nutzen VivaTech ebenfalls als Bühne. La Poste hebt industrielle Innovationen hervor, die die Arbeit der eigenen Beschäftigten absichern sollen, dazu „digitale Vertrauensdienste“ und eine immersive Erfahrung zu ökologischen Fragen. „Bei La Poste innovieren heißt, sich permanent anzupassen, unsere Transformation fortzusetzen, um im Dienst aller zu bleiben – nützlich für jede und jeden“, teilt der Konzern mit.
GE Vernova betont die Schnittstelle von Energie und Technologie. „Unsere Partnerschaft mit VivaTech spiegelt die wachsende Konvergenz zwischen Energie und Technologie wider“, sagt Philippe Piron, ein Vertreter des Unternehmens. Capgemini wiederum stellt Partnerschaften mit Start-ups in den Mittelpunkt: Agilität der jungen Firmen, kombiniert mit der Fähigkeit des Konzerns, Lösungen im großen Maßstab auszurollen. „Ich sehe VivaTech als einen Konvergenzpunkt, einen Ort, an dem wir alle eine Leidenschaft für Technologie teilen“, erklärt der globale Innovationsdirektor des Konzerns.
Safia Limousin von Envision bringt den Geist der Ausgabe so auf den Punkt: „Innovation besteht nicht mehr darin, Komponenten zu verbessern, sondern darin, ganze Energiesysteme intelligenter, autonomer und anpassungsfähiger zu machen.“
Mehr Wissenschaft, weniger „Engineer-Founder“: Die French Tech verschiebt sich
Ein struktureller Trend zieht sich laut Les Echos durch die Jubiläumsausgabe: Mathematiker, Physiker und Chemiker stehen für eine Erneuerung der French Tech. Sie erschließen neue Felder in KI, Quanten-Technologie und Energie – und verbinden das mit dem Anspruch, Europa könne ein Ort grundlegender Innovation sein, nicht nur der Anwendung. „Wir befinden uns in einer Phase der Innovation, die viel technologischer ist als die vorherige“, wird diese Bewegung zusammengefasst.
Der internationale Kontext verschärft den Druck. Laut Les Echos hat Donald Trump Nicht-Amerikanern den Zugang zu fortgeschrittenen KI-Modellen von Anthropic untersagt – eine Entscheidung, die chinesischen Tech-Giganten in die Lage versetzen könnte, die entstehende Lücke zu füllen. Für Frankreich – und damit auch für Europa – wird VivaTech 2026 so zur Leistungsschau dessen, was dem neuen globalen Kräftemessen entgegengesetzt werden kann.
