François Hollande hat in Montpellier einen ungewohnt klaren Befund zur Lage der europäischen Tech-Szene geliefert: Die Bedingungen, unter denen Frankreichs staatlich angeschobene Start-up-Initiative „French Tech“ einst gestartet wurde, seien vorbei. Bei der Eröffnung der fünften Ausgabe von Hello la Tech am 28. Mai 2026 – ausgerichtet von der French Tech Méditerranée im Kulturort MoCo Panacée – sprach der frühere französische Präsident von einer „raueren“ und „unsichereren“ Welt.
„Die Welt, in der die French Tech gestartet wurde, liegt hinter uns“, sagte Hollande laut Midi Libre vor Unternehmern und lokalen Entscheidern. „Die, die kommt, ist rauer, ungewisser.“ Hollande hatte die French Tech während seiner Amtszeit gemeinsam mit Fleur Pellerin auf den Weg gebracht – nun traf er in Montpellier auf ein Ökosystem, das gewachsen ist, aber unter massivem globalem Druck steht.
French Tech nach mehr als zehn Jahren: sichtbar gewachsen – und doch unter Druck
Die French Tech gilt in Frankreich als eines der wenigen öffentlichen Innovationsprogramme, das tatsächlich einen europaweit sichtbaren Start-up-Kosmos hervorgebracht hat. Montpellier steht dabei als regionales Beispiel: Digitale Akteure, wachsende Start-ups und eine Community, die sich jährlich bei Hello la Tech trifft.
Montpelliers Bürgermeister Michaël Delafosse nutzte den Tag, um wirtschaftliche Entwicklung als „Priorität“ seines Mandats zu bekräftigen. Hollande würdigte er als denjenigen, „der die French Tech angestoßen hat“.
Doch 2026 ist nicht 2013. In der generativen KI haben US-Konzerne wie OpenAI, Google, Microsoft und Amazon das Tempo vorgegeben und die Technologie in kurzer Zeit zur Markteroberungsstrategie gemacht. China wiederum habe – unter anderem mit DeepSeek – gezeigt, dass es technisch mithalten kann, und das zu geringeren Kosten.
Frankreich verweist auf Mistral AI, das als eine der wenigen glaubwürdigen europäischen Antworten gilt. Gleichzeitig bleibt der Abstand bei Finanzierung und Rechenleistung zu US-Laboren laut dem Artikel enorm. Genau hier setzte Hollande an: Frankreich und Europa müssten schneller werden – nicht, um die USA „auf ihrem eigenen Terrain“ einzuholen, sondern um die Kontrolle über die eigene technologische Souveränität nicht zu verlieren.
Cybersicherheit, künstliche Intelligenz, Unabhängigkeit digitaler Infrastrukturen: Das sind die Felder, die Hollande aufzählte – und die die EU seit Jahren zu adressieren versucht, mit „durchwachsenen“ Ergebnissen.
Mit einer Portion Selbstironie kommentierte Hollande zudem die politische Taktung: „Wenn man eine Politik schafft, misst man nicht immer, was daraus wird, weil eine fünfjährige Amtszeit kurz ist. Zwei sind manchmal zu viel.“
Führungswechsel bei French Tech Méditerranée: Tassadit Quivi übernimmt
In Montpellier ging es nicht nur um geopolitischen Wettbewerb, sondern auch um Personalien. Hollande wohnte der Staffelübergabe an der Spitze der French Tech Méditerranée bei: Sébastien Lacaze übergab an Tassadit Quivi. Sie ist damit laut l’Hérault Tribune die erste Frau an der Spitze der Organisation – ein symbolisches Signal in einer Branche, in der Frauen in Führungspositionen weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind.
Hollande forderte bei der Gelegenheit, der Innovation „noch mehr Platz“ zu geben. Hinter der bewusst offenen Formel steckt ein sehr konkretes Problem: Regionale Ökosysteme wie Montpellier kommen oft schwerer an Ressourcen heran als Start-ups in Paris – sei es beim Zugang zu Risikokapital oder bei internationaler Sichtbarkeit.
Die Dezentralisierung der French Tech ist damit kein neues Thema. Aber sie bekommt eine andere Schärfe, wenn die Konkurrenz nicht nur in der Hauptstadt sitzt, sondern in San Francisco oder Peking.
KI als Wahlkampfthema: Hollande sieht die Präsidentschaft 2027 schon im Schatten der Algorithmen
Auch die Politik ließ Hollande nicht außen vor. Künstliche Intelligenz, ohnehin allgegenwärtig in den Diskussionen des Tages, werde nach seiner Einschätzung im Zentrum der nächsten Präsidentschaftskampagne stehen. Mit seinem typischen Spott sagte er: „Es gibt Abgeordnete, die sprechen wie KI. Man merkt es, weil sie kohärenter sind.“
Und weiter: „Sie werden es während der Präsidentschaftswahl sehen: Alle werden über KI sprechen, und einige Kandidaten werden KI sprechen. An Ihnen ist es, sie zu entlarven!“
Der Witz trifft, verweist aber auf eine reale Entwicklung: 2027 zeichnet sich als erste Präsidentschaftswahl ab, in der KI zugleich Wahlkampfthema und Werkzeug zur Produktion von Botschaften sein wird. Hollande, den mehrere Medien laut Artikel als wahrscheinlichen Kandidaten sehen, weiß, wie stark technologische Erzählungen politische Glaubwürdigkeit prägen können.
Für die French Tech in Montpellier war der Besuch vor allem ein Verstärker: Die demonstrative Unterstützung eines ehemaligen Präsidenten bleibt – auch außerhalb der Macht – politische Legitimation für ein Ökosystem, das bei nationalen Entscheidungen über KI-Finanzierung und digitale Souveränität mitreden will. Tassadit Quivi übernimmt eine anerkannte Struktur, aber auch eine Agenda, die spürbar anspruchsvoller wird.
