In Mayotte führt für viele Schulabgänger der Weg ins Studium fast zwangsläufig über das französische Vergabeportal Parcoursup – und oft auch weg von der Insel. Nach aktuellen Zahlen akzeptieren 68% der Abiturientinnen und Abiturienten aus Mayotte ein Zulassungsangebot außerhalb des französischen Überseedépartements im Indischen Ozean.
Damit sticht Mayotte selbst im Vergleich zu anderen französischen Regionen außerhalb des europäischen Festlands deutlich heraus: Korsika kommt auf 35%, Französisch-Guayana auf 33%, La Réunion auf 19%.
Ein Teil dieser Abwanderung ist nicht nur eine Frage des Angebots, sondern auch der Formalitäten: Für das Verlassen der Insel wie auch für die Einschreibung an einer Universität sind die französische Staatsangehörigkeit oder ein Aufenthaltstitel erforderlich. Schülerinnen und Schüler mit ausländischer Staatsangehörigkeit bleiben deshalb häufiger vor Ort; rund 37% von ihnen werden in Mayotte in einen BTS (zweijähriger, berufsnaher Hochschulabschluss) gelenkt.
BTS statt Bachelor: kurze Studiengänge dominieren – aus Mangel und aus Überzeugung
Daten von INSEE Mayotte zu den Jahrgängen 2022 zeigen: 30% der mahorischen Studienanfänger entscheiden sich für einen BTS. Im französischen Mutterland („Hexagone“) liegt der Anteil bei 19%.
Kurze, praxisnahe Formate prägen damit den Einstieg ins Studium – auch, weil das Angebot an längeren Studiengängen auf der Insel weiterhin begrenzt ist.
Wer Mayotte verlässt, zieht mehrheitlich ins französische Mutterland. Dort gehen die meisten in die Regionen Okzitanien, Auvergne-Rhône-Alpes, Nouvelle-Aquitaine und Bretagne. Etwa ein Sechstel der Abwandernden lässt sich auf La Réunion nieder.
Für viele wird dabei die Finanzierung zum Knackpunkt. Ehemalige Schülerinnen und Schüler aus Mayotte, die zum Studium weggezogen sind, berichten von angespannten Situationen: Förderungen würden teils auf Basis der Einkommen der Eltern berechnet, die in Mayotte geblieben sind. Diese Gehälter gelten als höher als der nationale Durchschnitt – was die ausgezahlten Beihilfen rechnerisch senken kann.
Mehr Studienplätze auf der Insel – auch selektive Angebote wachsen
Gleichzeitig baut Mayotte sein lokales Angebot aus. In zehn Jahren hat sich die Zahl der Plätze im ersten Studienjahr auf der Insel verdreifacht. Der Rektor Jacques Mikulovic will diese Entwicklung fortsetzen – unter anderem mit der Eröffnung eines BUT (Bachelor universitaire de technologie) und dem Ausbau selektiver Studienwege.
Zwei Ausbildungszentren wurden bereits eröffnet: 2024 der „Pôle des métiers de l’aérien“ in Petite-Terre sowie der „Pôle des métiers du bâtiment“ in Longoni.
Auch Vorbereitungsklassen auf die französischen Grandes Écoles (hochselektive Elitehochschulen) gibt es: am Lycée de Sada für Wirtschaftshochschulen und am Lycée Bamana für Ingenieurschulen.
Eine literarische Vorbereitungsklasse Hypokhâgne/Khâgne, die unter anderem auf die Aufnahmeprüfungen der Écoles normales supérieures vorbereitet, soll laut Informationen, die das Journal de Mayotte verbreitet hat, zum Schuljahresbeginn 2026 am Lycée de Chirongui starten.
Parcoursup bleibt unverzichtbar – und zeigt die strukturellen Grenzen
Parcoursup, das nationale Portal, das jedes Jahr ab Januar öffnet, steht allen französischen Oberstufenschülerinnen und -schülern offen – auch in Mayotte. Doch die Nutzung macht die strukturellen Schwächen des lokalen Systems sichtbar: ein zu schmales Angebot in Wohnortnähe für die Zahl der Abiturienten, Dokumentenauflagen, die Entscheidungen schon vor der Wunschabgabe beeinflussen, und eine starke Abhängigkeit von geografischer Mobilität.
Mehr Studiengänge auf der Insel könnten diese Ströme langfristig ausgleichen. Das vom Rektorat formulierte Ziel, mahorischen Schülerinnen und Schülern den Zugang zu Grandes Écoles zu ermöglichen, ohne die Insel verlassen zu müssen, hängt jedoch daran, ob das Tempo beim Ausbau neuer Angebote gehalten werden kann.
