Frankreich legt bei der Künstlichen Intelligenz nach: Premierminister Sébastien Lecornu hat am 16. Juni 2026 zusätzliche 655 Mio. Euro für KI angekündigt – einen Tag vor dem Start der Tech-Messe VivaTech in Paris.
Das Geld soll in Recheninfrastruktur, Forschung, Unternehmen und industrielle Wertschöpfungsketten fließen. Lecornu begründete den Schritt damit, die technologische Entwicklung müsse „den Franzosen zugutekommen“, „unsere Souveränität schützen“ und „unsere öffentlichen Dienste stärken“.
Bemerkenswert: Die Ankündigung verbreitete Lecornu über seine sozialen Netzwerke – ein ungewöhnliches Format für eine Entscheidung dieser Größenordnung. Hinter dem Paket steht der Druck eines globalen Wettlaufs, in dem Frankreich gegenüber US-Konzernen und den wachsenden Ambitionen Chinas nicht zurückfallen will.
DGSI trennt sich von Palantir – ChapsVision übernimmt
Die Budgetzusage ist Teil einer breiteren Linie. Lecornu bestätigte, dass die Direction générale de la sécurité intérieure (DGSI) – Frankreichs Inlandsgeheimdienst – ihren Vertrag mit Palantir beendet hat. Palantir ist ein US-Spezialist für Datenanalyse; Mitgründer Peter Thiel gilt als eng mit Donald Trump verbunden.
Stattdessen setzt die DGSI auf das französische Unternehmen ChapsVision. Der Schritt steht für eine Strategie, die sich seit Monaten abzeichnet: sensible Behörden sollen ihre Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern verringern, besonders von US-Firmen. Das ist nicht nur eine technische, sondern ausdrücklich auch eine politische Entscheidung.
VivaTech 2026 in Paris: KI und digitale Souveränität als Leitmotiv
Die 10. Ausgabe der VivaTech, nach Angaben der Veranstalter die größte Tech-Messe Europas, hat am 17. Juni 2026 in Paris eröffnet. KI, Robotik und digitale Souveränität gegenüber US- und chinesischen Plattformen ziehen sich als roter Faden durch das Programm.
Parallel kündigte „Bercy“ – so wird in Frankreich das Wirtschafts- und Finanzministerium nach seinem Pariser Sitz genannt – an, einen Konversationsagenten für alle Staatsbediensteten auszurollen. Das sei Teil dessen, was Lecornu als „Methode zur Transformation des Staates“ bezeichnete.
Gleichzeitig reagieren auch US-Akteure auf die Verschiebungen: OpenAI France baut seine Teams in Paris aus und sucht größere Büroräume – ein Signal, dass amerikanische Unternehmen das französische Souveränitätsnarrativ nicht einfach von der Seitenlinie beobachten.
Schon beim Investorenformat Choose France 2026 hatte Frankreich seine KI-Ambitionen betont: Die Veranstaltung zog nach offiziellen Angaben einen Rekord von 93 Mrd. Euro an ausländischen Investitionen an, getragen auch von KI-bezogenen Zusagen. Der US-HR-Softwareanbieter Workday stellte dort 200 Mio. Euro über drei Jahre in Aussicht, inklusive eines Ausbildungsprogramms für mehr als 1.000 Beschäftigte im Bereich KI.
Kritik: Geld ja – aber wer kontrolliert das Kapital?
Die neuen Zusagen werden in Frankreich zugleich kritisch beäugt. Le Figaro berichtet, das Exportverbot für die neuesten Modelle von Anthropic habe bei französischen politischen Verantwortlichen einen „Elektroschock“ ausgelöst. Sie „versprechen, die Technologieschlacht zu liefern, weichen aber dem kapitalistischen Kampf aus“, heißt es dort.
Der französische KI-Sektor ist sichtbar: Mistral AI war im Mai 2026 Ziel einer Cyberattacke. Daneben versuchen Unternehmen wie Dragon LLM, LightOn oder Pleias, eine europäische Alternative aufzubauen.
Offen bleibt damit die zentrale Frage, die auch hinter Lecornus 655-Mio.-Euro-Paket steht: Reicht diese Summe aus, um das Kräfteverhältnis gegenüber US-Laboren zu verschieben, deren Budgets in die Dutzenden Milliarden gehen?
