Emmanuel Macron hat beim Investoren-Gipfel „Choose France“ am 1. Juni 2026 im Schloss Versailles ein „Rekord“-Paket von 93 Mrd. Euro an ausländischen Investitionen verkündet. Insgesamt 71 Vorhaben seien angekündigt worden, „mehr als 15.000 Arbeitsplätze“ würden dadurch entstehen, sagte der französische Präsident.
Macron verband die Zahlen mit einem industriepolitischen Anspruch: Die Projekte machten Frankreich „mit großem Abstand“ zum führenden Standort für Rechenzentren und Rechenkapazitäten in Europa. Doch hinter den Milliarden wächst die Debatte, wie viel Wertschöpfung tatsächlich im Land bleibt – und ob die „Start-up Nation“, die Macron seit 2017 politisch geprägt hat, gerade ins Wanken gerät.
SoftBank verspricht 75 Mrd. Euro – drei Rechenzentren im Gigawatt-Maßstab
Das auffälligste Signal in Versailles kam vom japanischen Konzern SoftBank: 75 Mrd. Euro – laut Bericht das größte Engagement dieser Art in Europa. Geplant sind drei Standorte mit riesigen Rechenzentren, jeweils mit einer Leistung von 1 Gigawatt: in Dunkerque, in Bouchain sowie an einem dritten Standort. Einer der Standorte soll in Zusammenarbeit mit dem französischen Start-up Sesterce entstehen.
Zur Einordnung der Dimensionen: In Frankreich sind bislang insgesamt 1,3 GW Rechenzentrumskapazität installiert. Der Atomreaktor EPR in Flamanville liefert 1,6 GW. Als Industriepartner ist der Ausrüster Schneider Electric bei den SoftBank-Projekten vorgesehen.[1]
Carbon in Liquidation: Wenn die Reindustrialisierung an Geld und Markt scheitert
Während Macron in Versailles die Investitionsliste feierte, fehlte ein Name, der in den vergangenen Jahren zum festen Inventar des Gipfels gehörte: Carbon. Das 2022 in Lyon gegründete Solar-Start-up war nach eigenen Angaben zu den Ausgaben 2023, 2024 und 2025 eingeladen – 2026 ist es nicht mehr dabei.
Am 19. Mai kündigte Carbon an, das Projekt einer riesigen Fabrik in Fos-sur-Mer (Département Bouches-du-Rhône) aufzugeben. Begründet wurde das mit unzureichender Finanzierung – der Bedarf habe bei mehr als 1 Mrd. Euro gelegen – und mit fehlendem politischen Willen der Europäischen Union, den Photovoltaikmarkt gegen chinesische Konkurrenz zu schützen. Das Unternehmen befindet sich in einem gerichtlichen Liquidationsverfahren.[3]
Carbon ist laut Bericht kein Einzelfall. Die Reindustrialisierung, die „Choose France“ verkörpern sollte, zeige Grenzen. Als Beispiel wird auch Disneyland Paris genannt: Ein Investitionsvorhaben über 2 Mrd. Euro, das 2018 groß angekündigt worden war, habe ebenfalls Jahre gebraucht, bis es konkret wurde.
Energie als Engpass: Frankreich droht die Rolle des Strom-Zulieferers
Mit der Konzentration von Gigawatt-Leistung auf extrem kapitalintensive Anwendungen wachsen die Spannungen um die verfügbare Strommenge für Haushalte und Unternehmen. Genau das gilt als blinder Fleck des Gipfels: Wenn Frankreich die Energie liefert, während US-Hyperscaler Chips und Algorithmen beisteuern, könnte das Land auf die Rolle eines Energie-Subunternehmers reduziert werden – es baut dann riesige Hallen, während die Gewinne ins Ausland fließen.
Hinzu kommt: SoftBank bleibt dem Bericht zufolge vage, wer am Ende die Nutznießer der französischen Infrastruktur sein werden.[5]
In der Debatte wird zudem Arthur Mensch zitiert: Er sieht ein Zeitfenster von zwei Jahren, um massiv zu investieren und die europäische Nachfrage nach KI zu strukturieren. Diese Nachfrage sei bislang unklar – gebremst durch schwache öffentliche Aufträge und Unternehmen, die ihren Bedarf schwer einschätzen könnten. Frankreich könne zwar Rechenzentren gewinnen, aber den KI-Wettlauf verlieren, wenn die Atomenergie nicht auch europäische Champions speist.
„Start-up Nation“ vor der Zäsur: Die Tech-Branche blickt auf die Zeit nach Macron
Seit 2017 hat sich der französische Tech-Sektor im politischen Orbit Macrons entwickelt. Die „Start-up Nation“ war demnach mehr als ein Slogan: Sie stand für öffentliche Finanzierung, internationale Sichtbarkeit und eine wirtschaftspolitische Linie.
Was nach Macron kommt, ist offen – und genau diese Phase der Unsicherheit, so der Bericht, beobachtet die Branche mit besonderer Aufmerksamkeit.
