In Südfrankreich testet die staatliche Arbeitsvermittlung France Travail (früher Pôle emploi) ein ungewöhnliches Format gegen den Fachkräftemangel in Engpassberufen: Jobsuchende und Arbeitgeber sitzen nicht nur virtuell gegenüber, sondern treffen sich physisch in gemeinsamen Sessions.
Im Département Bouches-du-Rhône rund um Marseille wurden 2025 nach Angaben von Didier Krief, Mitgründer des Programms „Entreprises éphémères“, mehr als 200 Menschen begleitet – mit „positiven Abgängen“ in Beschäftigung. Finanziert wird das Modell von France Travail. Pro Durchlauf kommen rund 50 Teilnehmende zusammen; das Programm kombiniert individuelles Coaching mit direkter Vermittlung zu Unternehmen, die in klar definierten Bereichen einstellen, insbesondere in Berufen mit akutem Personalmangel.
Wenn Recruiter und Bewerber im selben Raum sitzen
Der Kern des Ansatzes: kollektive Arbeit statt reiner Bewerbungsmappe. Anstatt Lebensläufe zirkulieren zu lassen, schaffen die „Unternehmen auf Zeit“ einen Rahmen, in dem Menschen, die vom Arbeitsmarkt weit entfernt sind, lokale Recruiter persönlich treffen.
„Unsere Mission ist es, dafür zu sorgen, dass Recruiter und Kandidaten aus einer sehr menschlichen Perspektive gemeinsam eine Geschichte schreiben und sich wiederfinden, um zusammenzuarbeiten“, erklärt Didier Krief. Der Mitgründer setzt damit bewusst auf Begegnung und Dynamik in der Gruppe – und auf den direkten Kontakt zu realen Arbeitgebern.
Ein Punkt, der aus seiner Sicht in klassischen Programmen zu kurz kommt, steht im Zentrum: „Man muss die Kompetenzen des ‚savoir être‘ aufwerten“, sagt Krief. Gemeint sind Verhaltens- und Sozialkompetenzen; auch der Austausch zwischen Generationen und Kommunikation sind tragende Elemente der Methode.
Engpassberufe als letzte stabile Einstellungsfelder
Das Programm läuft in einem angespannten Umfeld. Laut Krief zwingt „der wirtschaftliche Kontext die Wirtschaftsakteure zu extremer Vorsicht“. Internationale Konflikte, fehlende Planbarkeit für Unternehmenschefs und verschobene Einstellungen hätten die Einstellungsbereitschaft insgesamt gebremst.
„Die einzigen Akteure, denen wirklich weiterhin Arbeitskräfte fehlen, sind die Engpassberufe“, präzisiert er. Das deckt sich mit Arbeitsmarktdaten für 2026: Zu den besonders gesuchten Profilen zählen demnach etwa Instandhaltungstechniker in der Industrie, Maurer, Lkw-Fahrer oder Kommissionierer – mit tausenden unbesetzten Stellen landesweit.[3]
Ein Format für Menschen, die klassische Wege nicht mehr erreichen
Die Zielgruppe ist klar umrissen: Menschen, die der „klassische“ Arbeitsmarkt nicht erreicht – oder nicht mehr erreicht. Das kollektive Format, die Gruppendynamik und die direkte Konfrontation mit echten Recruitern sollen typische Hürden umgehen: fehlendes Selbstvertrauen, Unkenntnis über Berufe oder ein negatives Bild von Industrie- und Handwerksjobs.
France Travail, mit Sitz in Paris und mehreren zehntausend Beratern im ganzen Land, erprobt damit in der Provence bewusst Formate jenseits des traditionellen Schalters. Es geht nicht nur darum, Menschen in Arbeit zu bringen, sondern sie auf Stellen zu vermitteln, die Unternehmen über die üblichen Kanäle nicht besetzen können.
Mit 200 Begleitungen allein im Jahr 2025 im Département Bouches-du-Rhône bleibt das Modell überschaubar. Ob es auf weitere Regionen ausgeweitet wird, hängt davon ab, ob France Travail dieses Präsenz-Matching in größerem Maßstab organisieren kann – in einem Arbeitsmarkt, der bei Engpassberufen weiterhin unter Druck steht.
Sources
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