Die korsische Regionalregierung will die Mittelmeerinsel technologisch neu positionieren – und dabei Künstliche Intelligenz (KI) ins Zentrum rücken. Ziel ist es, Korsika als Innovationsstandort „weit über die französischen Grenzen hinaus“ sichtbar zu machen, wie es in einem Interview heißt, das die Zeitung Corse Matin veröffentlicht hat.
Träger des Vorhabens ist die „Collectivité de Corse“, die 2018 gegründet wurde und ihren Sitz in Ajaccio (22 cours Grandval) hat. Nach offiziellen INSEE-Daten arbeitet die Institution mit einer vergleichsweise kleinen Struktur von rund 50 Beschäftigten – die politische Ansage fällt dennoch deutlich größer aus als das, was man von einer klassischen Regionalverwaltung erwarten würde.
Korsika sucht Anschluss an globale KI-Netzwerke
In den skizzierten Plänen geht es ausdrücklich um Kooperationen mit weltweit führenden Technologieakteuren. Die Idee dahinter: Korsika soll Teil von Innovationsnetzwerken werden, die nicht an Frankreichs Grenzen enden.
Der Zeitpunkt ist aus Sicht der Inselpolitiker günstig. Laut Le Monde dürften die weltweiten Investitionen in KI im Jahr 2026 auf 750 Mrd. US-Dollar steigen. Gleichzeitig setzt die EU-Kommission das Thema digitale Souveränität politisch weit oben an und hat Anfang Juni ein eigenes Gesetzespaket dazu vorgelegt.
Für eine Inselregion bedeutet das allerdings, an mehreren Stellschrauben gleichzeitig zu drehen: Talente anziehen, digitale Infrastruktur ausbauen und Partnerschaften mit Akteuren knüpfen, die nicht „von selbst“ Richtung Mittelmeer schauen.
Institutionelle Reibungen mit Paris bremsen die Außenwirkung
Der internationale Anspruch trifft auf innenpolitische Konflikte. Die Collectivité de Corse liegt derzeit offen mit dem französischen Staat über die Finanzierung von fünf immersiven Grundschulen in korsischer Sprache im Streit, die von der Föderation Scola Corsa betrieben werden.
Der Präfekt – als Vertreter des Zentralstaats in der Region – hat beim Verwaltungsgericht Klage eingereicht und stellt die Rechtmäßigkeit einer Subvention von 1,3 Mio. Euro infrage, die die Regionalregierung den Einrichtungen bewilligt hatte. Der Fall zeigt, wie komplex das Verhältnis zwischen der korsischen Institution und Paris bleibt, während Ajaccio zugleich international um Aufmerksamkeit wirbt.
Solche Auseinandersetzungen erschweren die Verständlichkeit des Gesamtprojekts. Wer Finanzierungsentscheidungen vor Gericht verteidigen muss, wirkt nach außen weniger stabil – ein Faktor, der bei anspruchsvollen Technologiepartnerschaften schnell zum Prüfstein werden kann.
Strategie gegen Paris und Lyon: klein, schnell, eigenständig
Im Wettbewerb mit großen französischen Metropolen kann Korsika nicht über Masse kommen. Paris, Lyon oder Bordeaux bündeln Ökosysteme, Kapital und Fachkräfte. Die Insel setzt deshalb auf ein anderes Argument: ein überschaubares Umfeld mit starker Identität, in dem sich Innovationsmodelle schneller erproben lassen als in großen Ballungsräumen.
Genau mit dieser Logik werben auch andere europäische Randregionen um Fördermittel und Partnerschaften – in einer Phase, in der die EU digitale Investitionen geografisch breiter verteilen will. Ob Korsika den Sprung schafft, hängt laut dem skizzierten Kurs davon ab, die Absichtserklärungen in konkrete Projekte zu übersetzen: mit benannten Industriepartnern und gesicherter Finanzierung.

