Agentische Künstliche Intelligenz – Systeme, die Aufgaben eigenständig planen, Entscheidungen treffen und aus Rückmeldungen lernen – könnte den französischen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren deutlich umkrempeln. Eine im März 2026 veröffentlichte Analyse des Kreditversicherers Coface beziffert das Risiko auf 16,3 Prozent aller privaten und öffentlichen Stellen.
Umgerechnet geht es um rund fünf Millionen Arbeitsplätze. Auffällig ist dabei, wer unter Druck gerät: Nicht klassische Helfertätigkeiten stehen im Zentrum, sondern gut bezahlte Büro- und Wissensberufe in den Metropolen. Gleichzeitig steigen die Gehälter für knappe Spezialistenprofile – etwa in KI und Cybersicherheit.
Ausgerechnet gut bezahlte „White-Collar“-Jobs gelten als verwundbar
Die Studie stammt von Axelle Arquié, Gründerin eines Observatoriums für bedrohte und entstehende Berufe, und Aurélien Duthoit, Ökonom bei Coface. Ihr Befund: Tätigkeiten mit hohem Anteil an kognitiven Routinen – Analysen, Berichte, Standardentscheidungen, Koordination – lassen sich durch agentische KI leicht automatisieren oder stark beschleunigen.
Damit geraten klassische Angestelltenberufe („cols blancs“) ins Visier, die bislang als vergleichsweise sicher galten. Handwerkliche Tätigkeiten, allen voran Bau und Ausbau, erscheinen dagegen relativ geschützt – ebenso Bereiche wie Hotellerie und Gastronomie, in denen körperliche Präsenz, situatives Handeln und direkte Interaktion schwerer zu ersetzen sind.
Industrie ist nicht automatisch sicher – auch wegen vieler „Kopfarbeit“
Auch die Industrie bleibt laut Coface nicht verschont. In entwickelten Volkswirtschaften stecke in industriellen Wertschöpfungsketten viel Wissensarbeit, etwa in Ingenieurwesen, Planung oder Forschung und Entwicklung, argumentiert Duthoit. Gerade dort kann agentische KI Prozesse beschleunigen, Dokumentation automatisieren oder Entscheidungen vorbereiten.
Für deutsche Leser ist der Vergleich naheliegend: Weil Deutschland stärker industriell geprägt ist als Frankreich, könnte der Anteil solcher kognitiven Industrieaufgaben hierzulande sogar ein zusätzlicher Risikofaktor sein. Mit anderen Worten: „Mehr Industrie“ bedeutet nicht automatisch „mehr Schutz“ vor KI – entscheidend ist, wie viel standardisierbare Kopfarbeit in den Jobs steckt.
Junge Berufseinsteiger spüren den Druck bereits
Hinweise auf eine frühe Verschiebung liefert eine Studie von Stanford-Forschern um den Ökonomen Erik Brynjolfsson. Demnach ist die Beschäftigungsquote bei 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Tätigkeiten seit 2022 um mehr als zehn Prozent gesunken – in Softwareentwicklung und Kundenservice.
In der Softwareentwicklung allein soll der Rückgang demnach fast 20 Prozent betragen. Parallel dazu rechnet das Marktforschungsunternehmen Gartner damit, dass bis Ende 2026 rund 40 Prozent der Unternehmensanwendungen KI-Agenten integrieren werden – nach fünf Prozent zur Jahresmitte 2025. Das deutet auf eine schnelle Verbreitung in der betrieblichen Praxis hin.
Gehälter driften auseinander: Automatisierung hier, Knappheit dort
Während bestimmte Tätigkeiten durch Automatisierung unter Druck geraten, profitieren andere von akuter Knappheit. Das Beratungsunternehmen WTW erwartet für dieses Jahr in Frankreich eine mediane Gehaltssteigerung von 3,1 Prozent über alle Branchen hinweg – stabil gegenüber 2025.
Über dem Durchschnitt liegen demnach Felder wie Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit sowie Technologie, Medien und Telekommunikation. Ähnlich hohe Zuwächse werden auch für Energie, Chemie und Pharma mit jeweils rund 3,2 Prozent genannt. WTW-Experte Khalil Ait Mouloud begründet das mit Engpässen: Wo Angebot und Nachfrage auseinanderlaufen – etwa bei KI- und Security-Fachkräften oder teils auch im Vertrieb – steigen die Löhne am stärksten.
Arbeitsmarkt im Umbau: Aufgaben verschwinden nicht sofort, sie wandern
Unterm Strich zeichnet die Coface-Analyse ein Bild der „doppelten Geschwindigkeit“: Auf der einen Seite geraten kognitive Tätigkeiten, die lange durch hohe Qualifikation geschützt schienen, in direkte Konkurrenz zu KI-Agenten, die rund um die Uhr arbeiten und keine Gehälter verlangen. Auf der anderen Seite werden jene rarer und wertvoller, die solche Systeme entwickeln, einführen, überwachen oder prüfen können.
Dass der Wandel nicht schlagartig verläuft, zeigt ein Detail aus Frankreich: Die Führungskräfte-Organisation Apec zählte 2025 noch 17.800 Stellenangebote allein für Buchhalter. Der Bedarf verschwindet also nicht über Nacht – er verschiebt sich. Für Beschäftigte und Unternehmen wird entscheidend sein, wie schnell Weiterbildung, Aufgabenprofile und Regulierung mit der technischen Entwicklung Schritt halten.
