In Frankreich wird wieder über Arbeitszeit und Leistung gestritten – mit einem überraschenden Befund: 2024 haben Beschäftigte im Schnitt mehr gearbeitet als in Deutschland. Gleichzeitig zeigt ausgerechnet die Industrieregion Hauts-de-France (Nordfrankreich) robuste Arbeitsmarktdaten, während die nationale Konjunktur ins Stocken gerät.
Laut Eurostat und Rexecode lag die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Erwerbstätigem 2024 in Frankreich bei 1.595 Stunden. In Deutschland waren es 1.539 Stunden – also 56 Stunden weniger. Für ein Land, das international oft mit der 35-Stunden-Woche verbunden wird, ist das eine auffällige Zahl.
Doch die Statistik erzählt nicht die ganze Geschichte. Serge Guérin, Soziologe und Professor an der Inseec GE, und Vincent Touzé, Ökonom und Forschungsdirektor am OFCE (Sciences Po Paris), warnen: „Das Bild braucht mehr Nuancen und die Realität erscheint komplexer.“
Hauts-de-France: Hoher Einsatz im Job – und Städte mit Rückenwind
Die Hauts-de-France bringen in diese Debatte eine regionale Besonderheit ein: Die Region zählt zu den Gebieten, in denen Beschäftigte ein besonders hohes berufliches Engagement zeigen. Zudem tauchen Amiens, Douai und Compiègne in Rankings zu Orten auf, „wo es sich gut leben und arbeiten lässt“, wie Le Parisien berichtet. Das gilt als Signal für eine Attraktivität, die sich über Jahre aufgebaut hat.
Arbeitsmarkt hält besser als im Rest des Landes – trotz schwacher Gesamtwirtschaft
Während sich die nationale Lage eintrübt, wirken die Arbeitsmarktdaten der Hauts-de-France vergleichsweise stabil. Der „Taux d’accès à l’emploi“ – eine Kennziffer zum Zugang zur Beschäftigung – lag 2025 bei 38,5 Prozent. Das sind 0,4 Punkte mehr als im französischen Durchschnitt.
Auch bei den Beschäftigtenzahlen hebt sich die Region ab: 2025 stiegen die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (effectifs salariés) um 0,2 Prozent. Landesweit verzeichnete Frankreich im selben Zeitraum ein Minus von 0,3 Prozent. In absoluten Zahlen ist das kein Boom, im Vergleich zur nationalen Schrumpfung aber ein bemerkenswerter Unterschied.
Der Kontrast wird deutlicher, wenn man auf die Makrodaten blickt. Im ersten Quartal 2026 stagnierte das Bruttoinlandsprodukt: 0 Prozent, nach +0,2 Prozent im Vorquartal, so das französische Statistikamt Insee. Der private Konsum sank um 0,1 Prozent, die Investitionen gingen um 0,4 Prozent zurück, die Exporte brachen um 3,8 Prozent ein.
Hinzu kommt ein Stimmungseinbruch: Der Indikator für das Vertrauen der französischen Haushalte fiel im April 2026 auf 84 Punkte – ein Rückgang um 5 Punkte und laut Artikel der stärkste Absturz seit März 2022.
| Pays | Heures annuelles moyennes |
|---|---|
| France | 1 595 heures |
| Allemagne | 1 539 heures |
Source : La Tribune, Eurostat / Rexecode
Mehr Arbeitsstunden – aber kein Produktivitätsvorsprung
Genau hier liegt der wunde Punkt der französischen Debatte: Mehr Arbeitszeit bedeutet nicht automatisch mehr Wettbewerbsfähigkeit. Wer 56 Stunden pro Jahr mehr arbeitet als deutsche Beschäftigte, hat daraus noch keinen Vorteil, wenn die Wertschöpfung pro Stunde niedriger bleibt.
Guérin und Touzé formulieren es entsprechend deutlich: Hinter dem scheinbar kräftigen Arbeitsvolumen sei die Lage „für Frankreich deutlich weniger günstig“. Der Abstand zwischen geleisteten Stunden und tatsächlicher Produktivität bleibt damit ein blinder Fleck in der Leistungsbilanz.
Besonders sichtbar wird die Spannung in der Industrie. Eine Ifop-Umfrage für die französische Industrie zeigt: 52,4 Prozent der befragten Ingenieurinnen und Ingenieure nennen die internationale Wettbewerbsfähigkeit als dringendste Herausforderung. Für 43 Prozent ist das Rekrutieren und Ausbilden von Fachkräften das zweitdringendste Problem.
In den Hauts-de-France, einer Region mit ausgeprägter industrieller Tradition, bekommt die Frage der Weitergabe von Know-how zusätzliches Gewicht – vor allem, weil sich die Renteneintritte in der Branche beschleunigen.
Pourquoi l'engagement salarial ne suffit pas
Attraktivität als Standortvorteil – doch der Sprung zu mehr Wachstum fehlt
Dass mehrere Städte der Region in Lebens- und Arbeitsqualitäts-Rankings gut abschneiden, ist für die Hauts-de-France ein Pfund. Die wachsende Attraktivität zieht Erwerbstätige an, die einen Ausgleich zwischen Lebenshaltungskosten, Jobqualität und Umfeld suchen. Im Artikel wird das auch als Gegenmodell zum Immobilien- und Kostendruck in der Île-de-France (Großraum Paris) beschrieben.
Trotzdem gilt: Hoher Einsatz der Beschäftigten allein reicht nicht, um strukturelle Schwächen zu überdecken, die 2026 deutlicher hervortreten. Wenn die Binnennachfrage landesweit nachlässt und Unternehmen bei Investitionen zögern, hängt es stark von der Wirtschaftspolitik der kommenden Monate ab, ob die Region ihr mobilisiertes „Humankapital“ in nachhaltiges Wachstum übersetzen kann – zumal sich Frankreich bereits auf eine politisch aufgeladene Phase zubewegt: Im Artikel ist von rund 30 Kandidatinnen und Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2027 die Rede.
Emploi en Hauts-de-France : les chiffres clés à retenir
- En 2024, la France affiche 1 595 heures travaillées par an en moyenne, devant l'Allemagne à 1 539 heures selon Eurostat et Rexecode.
- Les effectifs salariés des Hauts-de-France ont progressé de 0,2% en 2025, quand le niveau national reculait de 0,3%.
- Le taux d'accès à l'emploi dans la région atteint 38,5%, soit 0,4 point au-dessus de la moyenne nationale.
- L'indicateur de confiance des ménages français tombe à 84 en avril 2026, recul le plus marqué depuis mars 2022.
- Amiens, Douai et Compiègne figurent parmi les villes des Hauts-de-France reconnues pour leur attractivité vie/travail.
Sources
5 sources · 5 faits sourcés
