Ein französischer Rafale-Kampfjet hat am 1. Juni 2026 einen Meilenstein erreicht: Er feuerte erstmals einen Luft-Luft-Lenkflugkörper vom Typ MICA NG ab, während das Flugzeug mit Überschallgeschwindigkeit – also jenseits von Mach 1 – unterwegs war.
Bekanntgegeben hat den Versuch die französische Rüstungsbeschaffungsbehörde DGA (Direction générale de l’armement) am 5. Juni auf X. Der Test fand im Raketen-Erprobungszentrum der DGA im Mittelmeer statt.
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: Parallel verhandelt Frankreichs Hersteller Dassault Aviation über einen möglichen Großauftrag aus Indien – 114 zusätzliche Rafale für die indische Luftwaffe.
Warum der Überschall-Abschuss technisch heikel ist
Ein Luft-Luft-Schuss aus dem Überschallflug gilt als anspruchsvoll, weil der Infrarot-Suchkopf des Lenkflugkörpers dabei extremen aerodynamischen und thermischen Belastungen ausgesetzt ist. Genau diese Robustheit wollte die DGA nach eigenen Angaben unter „extremen Bedingungen“ überprüfen.
An dem Versuch waren vier Akteure beteiligt: MBDA als Hersteller des Flugkörpers, Dassault Aviation als Rafale-Produzent, die DGA sowie die französischen Luft- und Weltraumstreitkräfte (Armée de l’Air et de l’Espace).
Der Überschall-Schuss ist Teil einer größeren Erprobungskampagne. Deren Abschluss soll den Start der Auslieferungen des MICA NG an die französischen Streitkräfte markieren.
MICA NG: Was die neue Generation gegen aktuelle Bedrohungen leisten soll
Der MICA („missile d’interception, de combat et d’autodéfense“) ist die zentrale Luft-Luft-Bewaffnung der Rafale. Die Version „Nouvelle Génération“ wurde entwickelt, um ein Bedrohungsspektrum abzudecken, das die Vorgängergeneration laut Artikel nicht vollständig erfasste.
MBDA zufolge bringt der MICA NG Technologien mit, um künftig schnellere und schwerer aufklärbare Ziele zu bekämpfen. Genannt werden konventionelle Kampfflugzeuge, Hubschrauber, Drohnen, Tarnkappenjäger sowie hochmanövrierfähige Marschflugkörper mit sehr geringer Radar- und Infrarotsignatur.
Eine praktische Einschränkung hebt Numerama hervor: Wegen der Kosten dürfte der MICA NG voraussichtlich nicht das bevorzugte Mittel gegen einfache, günstige Drohnen sein. Für diese Aufgabe orientieren sich die französischen Luft- und Weltraumstreitkräfte demnach eher an lasergeführten Raketen, die preiswerter sind.
Indiens 114 Rafale: Verhandlungen über ein Geschäft von rund 30,2 Mrd. Euro
Der erfolgreiche Test fällt in eine Phase, in der Dassault kommerziell Rückenwind spürt. Der indische Verteidigungsbeschaffungsrat gab im Februar 2026 grundsätzlich grünes Licht für den Kauf von 114 zusätzlichen Rafale für die indische Luftwaffe – als Regierung-zu-Regierung-Abkommen.
Das geschätzte Volumen liegt laut „Le Monde“ bei 3,25 Billionen Rupien, umgerechnet rund 30,2 Mrd. Euro. Unterschrieben ist der Vertrag allerdings noch nicht: Beide Seiten verhandeln weiter über technische und kommerzielle „Details“, im Zentrum steht die lokale Fertigung.
Nach dem Stand der Gespräche sollen von den 114 Flugzeugen 94 in Indien produziert werden – durch Dassault in Partnerschaft mit einem indischen Unternehmen. Paris habe signalisiert, für den Abschluss „signifikante“ Zugeständnisse machen zu wollen. Der Abschluss der Verhandlungen wird innerhalb eines Jahres erwartet.
Indiens Motivation ist dabei auch geopolitisch: New Delhi will seine militärische Abhängigkeit von Russland verringern, das lange Zeit die indischen Beschaffungen im Bereich Kampfflugzeuge dominierte.
| Lot | Quantité | Destinataire | Statut |
|---|---|---|---|
| Commande 2015 | 36 appareils | Armée de l’Air indienne | Livrés |
| Commande 2025 | 26 appareils | Marine indienne | En cours de livraison |
| Nouvelle commande 2026 | 114 appareils | Armée de l’Air indienne | Feu vert initial, négociations en cours |
| Total potentiel | 176 appareils | Forces armées indiennes | Conditionnel |
Source : Le Monde / AFP, Reuters
Dassault gegen Boeing und Lockheed: Indiens Markt als Prestigefeld
Mit bis zu 176 Rafale (inklusive bereits bestellter Maschinen) würde Indien zum mit Abstand größten Exportkunden des Typs werden. In dieser Größenordnung konnten Boeing mit der F/A-18 Super Hornet und Lockheed Martin mit der F-21 (eine für New Delhi angebotene Variante der F-16) in den vergangenen Jahren in Indien keinen vergleichbaren Abschluss erzielen.
Der Knackpunkt bleibt die lokale Produktion. 94 Rümpfe von 114 in Indien zu fertigen, folgt der „Make in India“-Politik von Premierminister Narendra Modi. Für Dassault wäre das ein industrieller Präzedenzfall: Der Konzern müsste einen erheblichen Teil seines Produktions-Know-hows an einen lokalen Partner übertragen – in einem Land, das seine eigene Rüstungsbasis ausbauen will.
Der Artikel verweist zugleich auf ein Risiko: Technologiediffusion. Zwar seien bei solchen Verträgen strenge Schutzmechanismen für sensible Technologien üblich, doch das Grundproblem bleibe bestehen.
Ein französischer Vorteil wird ebenfalls betont: Die Rafale gilt als „souveränes“ Mehrzweckflugzeug ohne die ITAR-Beschränkungen (US-Regeln für Rüstungsexporte), die den operativen Einsatz amerikanischer Systeme begrenzen können. Für Indien, das auf strategische Autonomie setzt, ist das laut Artikel ein starkes Argument.
MICA NG und Indien: Bewaffnung würde dem Rafale-Deal folgen
Sollte der Vertrag über 114 Rafale zustande kommen, stellt sich automatisch die Frage nach der Bewaffnung. Der MICA NG, der derzeit auf französischen Rafale qualifiziert wird, ist dafür vorgesehen, auch Exportversionen des Jets auszurüsten.
Ein in den kommenden Jahren ausgelieferter indischer Rafale könnte den MICA NG daher integrieren – vorbehaltlich entsprechender Kooperationsvereinbarungen zwischen beiden Ländern. Entscheidend bleibt der Zeitplan der laufenden Erprobung: Erst mit der Auslieferung des MICA NG an die französischen Streitkräfte hängt auch die Verfügbarkeit für künftige Exportkunden zusammen, Indien eingeschlossen.
