KNDS erprobt die 140‑mm‑Kanone ASCALON auf dem Leopard‑2‑A‑RC 3.0. Die Kombination wirkt wie ein unauffälliger Fingerzeig darauf, wohin sich das deutsch-französische MGCS‑Projekt tatsächlich bewegen könnte.
Fast unter dem Radar treibt KNDS eine neue Konfiguration voran: Der Konzern, entstanden aus dem Zusammenschluss von Nexter und Rheinmetall-Landsysteme, setzt die ASCALON‑Kanone auf das Fahrgestell des Leopard 2 A‑RC 3.0 – jener Variante mit fernbedientem Turm, die auf den jüngsten Rüstungsmessen gezeigt wurde. Nach Einschätzung von Beobachtern ist das mehr als Technikspielerei: Es sendet ein Signal zur realen Richtung des MGCS‑Programms, das in den 2040er‑Jahren den französischen Leclerc und den deutschen Leopard 2 ablösen soll.
ASCALON („Autoloaded and Scalable Cannon“) ist eine von Nexter entwickelte 140‑mm‑Kanone. Sie stand bereits im Zentrum des Projekts E‑MBT, eines deutsch-französischen Experimentalpanzers, der auf der Eurosatory 2022 präsentiert wurde. Dass ASCALON nun auf der Leopard‑2‑A‑RC‑3.0‑Plattform auftaucht, führt zwei Entwicklungslinien zusammen, die KNDS seit Jahren parallel verfolgt.
MGCS: Zwischen Leclerc und Leopard ist die Grundform weiter offen
Das MGCS‑Programm (Main Ground Combat System) wurde 2017 von Paris und Berlin offiziell gestartet – und ist seither von Verzögerungen und Unschärfen geprägt. In Anhörungen vor Parlamenten wird die offizielle Linie immer wieder so zusammengefasst: Der künftige Panzer „wird weder ein neuer Leopard‑Panzer noch ein neuer Leclerc‑Panzer sein“ [2]. Politisch wahrt das die Balance zwischen beiden Ländern, industriell bleibt damit aber die Kernfrage: Auf welcher physischen Basis soll MGCS überhaupt entstehen?
Die Kombination aus ASCALON und Leopard 2 A‑RC 3.0 liefert darauf zumindest eine Teilantwort. Sie deutet auf ein Fahrzeug hin, das auf der industriell reifen, breit produzierten und exportierten deutschen Plattform aufsetzt – und zugleich die neue Hauptbewaffnung aus französischer Entwicklung integriert. Die Logik dahinter: Berlin liefert das Fahrgestell, Paris die Hauptwaffe.
Eine solche Arbeitsteilung ist in europäischen Landrüstungsprogrammen nicht neu, sie hat aber strukturelle Folgen. Wenn der Leopard 2 zur Basis wird, schrumpft der französische Industrieanteil im Programm zwangsläufig – zugunsten von Rheinmetall. Für die französische Armee, die über Jahre die Notwendigkeit einer größeren Leclerc‑Flotte betont hat [1], wäre das ein spürbarer Wechsel in der Grundphilosophie.
Leopard 2 A‑RC 3.0: Technologiedemonstrator mit MGCS‑Anmutung
Der Leopard 2 A‑RC 3.0 ist kein Serienpanzer, sondern ein Technologiedemonstrator von KNDS Deutschland. Er dient dazu, Konzepte der nächsten Generation zu testen: fernbedienter Turm, kleinere Besatzung, automatisiertes Laden. Ein Turm ohne Besatzung im Inneren soll theoretisch erlauben, die Crew auf zwei oder drei Soldaten zu reduzieren – statt vier in klassischen Kampfpanzern – und zugleich die Silhouette des Aufbaus zu senken.
Mit der 140‑mm‑ASCALON statt der beim Leopard 2 üblichen 120‑mm‑L55‑Kanone gewinnt das System deutlich an Feuerkraft gegenüber den derzeit in der NATO eingesetzten Kampfpanzern. Studien von Nexter zeigen demnach, dass 140 mm Ziele bekämpfen können, deren sichere Neutralisierung mit 120 mm nicht mehr garantiert sei – vor dem Hintergrund von Weiterentwicklungen aktiver und reaktiver Panzerung, wie sie unter anderem bei russischen Plattformen in der Ukraine zu beobachten sind.
Dass diese Kombination ohne große Programmankündigung und ohne feste Bestellung auftaucht, passt zur Demonstrator‑Strategie von KNDS: technisch vorarbeiten, bevor die deutsch-französischen politischen Verhandlungen einen verbindlichen Rahmen setzen. So entsteht ein greifbares Industrieargument für den Moment, in dem die MGCS‑Gespräche wieder ernsthaft Fahrt aufnehmen.
Ce que la greffe ASCALON révèle sur le MGCS
KNDS als faktischer Schiedsrichter zwischen Paris und Berlin
KNDS sitzt in diesem Dossier zugleich unbequem und mächtig in der Mitte. Der Konzern ist Ansprechpartner beider Regierungen, baut den Leclerc XLR für die französische Armee und modernisiert den Leopard 2 für die Bundeswehr sowie zahlreiche Exportkunden. Damit ist KNDS der einzige Industrieakteur, der eine technisch glaubwürdige Annäherung zwischen den beiden nationalen Panzertraditionen anbieten kann.
Genau diese zentrale Rolle birgt politischen Sprengstoff. Sollte die MGCS‑Lösung am Ende in Geometrie und Grundlayout zu nah am Leopard 2 liegen, könnte Paris den Eindruck gewinnen, das Programm kippe strukturell in Richtung Deutschland. Umgekehrt spricht die Fähigkeits- und Produktionsrealität gegen eine Leclerc‑Basis: Die Produktion des Leclerc ist eingestellt, als Seriengrundlage taugt er ohne massive Investitionen in eine neue industrielle Linie nicht.
Die ASCALON‑Integration auf dem A‑RC 3.0 könnte damit eine pragmatische Antwort auf die Gleichung sein: Frankreich bekäme die Urheberschaft über die Hauptbewaffnung – das sichtbarste und für die Wirksamkeit entscheidende Element –, während man auf eine Plattform setzt, deren industrielles Ökosystem bereits existiert. Sollte sich diese Linie in den nächsten Definitionsphasen des MGCS bestätigen, wäre das eine deutliche Verschiebung gegenüber dem ursprünglichen Anspruch eines wirklich bilateralen Programms mit industrieller Parität.
ASCALON und MGCS: die wichtigsten Punkte
- KNDS integriert die 140‑mm‑Kanone ASCALON auf das Fahrgestell des Leopard 2 A‑RC 3.0 mit fernbedientem Turm.
- MGCS soll in den 2040er‑Jahren den französischen Leclerc und den deutschen Leopard 2 ersetzen.
- ASCALON wurde von Nexter entwickelt und auf dem deutsch-französischen E‑MBT auf der Eurosatory 2022 gezeigt.
- Der Leopard 2 A‑RC 3.0 ist ein Technologiedemonstrator, kein Serienpanzer.
- KNDS entstand aus dem Zusammenschluss von Nexter (Frankreich) und Rheinmetall-Landsysteme (Deutschland).
Sources
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