Frankreichs oberster Militär, General Fabien Mandon, schlägt Alarm: Vor dem Finanzausschuss des französischen Senats hat der Chef des Generalstabs am 11. Mai eingeräumt, ein militärisches „Abhängen“ Frankreichs gegenüber Deutschland sei „möglich“ – nicht als theoretisches Szenario, sondern als Entwicklung, die bereits eingesetzt habe.
„Wenn Deutschland in diesem Tempo weitermacht, wird in fünf Jahren das Argument, wonach wir von operativer Erfahrung und einer gewissen Kultur profitieren, nicht mehr tragen“, warnte Mandon. Gemeint ist der Vorsprung, den Frankreich traditionell aus Auslandseinsätzen, Projektion von Kräften und eingespielten Strukturen ableitet.
Die Zahlen, auf die sich Paris stützt, sind deutlich: Laut einer Konjunkturnotiz der französischen Generaldirektion des Schatzamts (Direction générale du Trésor) von November 2025 will Berlin seine Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit bis 2029 auf 167,8 Mrd. Euro steigern – nach 66,8 Mrd. Euro im Jahr 2024. Das wäre ein Plus von 150 Prozent in fünf Jahren.
Berlin baut auf Masse – Paris ringt um seinen Finanzpfad
Für 2026 beziffert der Artikel den deutschen Ansatz so: Der reguläre Haushalt des Bundesverteidigungsministeriums liegt bei 82,7 Mrd. Euro, hinzu kommen 25,5 Mrd. Euro aus dem 2022 eingerichteten Sondervermögen Bundeswehr. Zusammen ergibt das 108,2 Mrd. Euro für dieses Jahr.
Frankreichs Kurs wirkt dagegen enger gesteckt. Der Entwurf zur Aktualisierung der französischen Militärprogrammierung 2024–2030 (Loi de programmation militaire, LPM) sieht für 2030 ein Budget von 76,3 Mrd. Euro vor – das entspreche 2,5 Prozent des BIP, ermöglicht durch einen zusätzlichen Kraftakt von 36 Mrd. Euro gegenüber dem ursprünglichen Text von 2023.
Doch selbst in Paris gilt das als zu wenig: Der Senatsausschuss für Auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung hält das Niveau für unzureichend und schlägt vor, weitere 14 Mrd. Euro aufzuschlagen, um 2030 auf 83,9 Mrd. Euro zu kommen. Begründet wird das mit einer französischen Zusage gegenüber der NATO, 3,5 Prozent des BIP für Verteidigung aufzuwenden.
Für Mandon ist der Abstand damit „strukturell“. „Für die Amerikaner wird die europäische Referenz nach und nach Deutschland“, sagte er. In fünf Jahren werde „der Unterschied frappierend“ sein.
| Pays | Dépenses 2024 | Dépenses 2026 (budget voté) | Objectif 2029-2030 |
|---|---|---|---|
| France | N/C | N/C | 76,3 Mds € (LPM actualisée) / 83,9 Mds € (proposition Sénat) |
| Allemagne | 66,8 Mds € | 108,2 Mds € (budget ordinaire + Fonds spécial) | 167,8 Mds € en 2029 |
Source : The Voice of Emirates, Direction générale du Trésor (novembre 2025)
FCAS als Stresstest: Kampfjet-Projekt steckt fest
Der zweite große Konfliktpunkt ist die Rüstungsindustrie – und damit die Frage, ob Europa seine Schlüsseltechnologien gemeinsam entwickelt oder auseinanderdriftet. Als Symbol dafür gilt das FCAS-Programm (Future Combat Air System), 2017 angekündigt und als Nachfolger von Rafale und Eurofighter für die Zeit um 2040 gedacht.
Nach Angaben von Le Monde haben Paris, Berlin und Madrid weiterhin keine Einigung über die Architektur des Kampfflugzeugs der nächsten Generation erzielt – obwohl dieses Flugzeug als Kern des Programms gilt. Dazu kommen sechs weitere Bausteine: Triebwerk, „tactical cloud“, Sensorik, Kampfdrohnen, Stealth-Technologie und die Gesamtstimmigkeit des Systems.
Der Stillstand kommt laut Artikel nach zwei Jahren Ingenieursarbeit, langen Regierungsverhandlungen und bereits investierten Milliarden. Frankreich hat dennoch 1,2 Mrd. Euro an neuen Zahlungsermächtigungen für FCAS in seinen Haushalt 2026 eingestellt. Auf französischer Industrieseite sind Safran und Thales beteiligt, außerdem Indra (Spanien) und MTU (Deutschland).
Ende 2025 berichtete Reuters demnach, Berlin und Paris hätten darüber gesprochen, das auf 100 Mrd. Euro taxierte Programm zu verkleinern – unter anderem durch den Verzicht auf Pläne für einen gemeinsam gebauten Kampfjet. Das würde FCAS nach Darstellung des Artikels substanziell entkernen und eine Dekade deutsch-französischer Industriekooperation in der militärischen Luftfahrt infrage stellen.
Die Folgen wären weitreichend: Sollte FCAS schrumpfen oder scheitern, müsste Dassault Aviation den Rafale-Nachfolger allein entwickeln – mit entsprechenden Budgetzwängen. Thales und Safran würden eine zentrale, langfristige Referenz für ihre Technologie-Roadmaps bei Bordelektronik und militärischer Antriebstechnik verlieren.
Pistorius’ Anspruch: „stärkste konventionelle Armee Europas“
In Berlin ist die Richtung laut Artikel klar abgesteckt. Verteidigungsminister Boris Pistorius – seit der Scholz-Regierung im Amt und nach Angaben von Le Monde seit drei Jahren der beliebteste Politiker Deutschlands – veröffentlichte im April eine militärische Strategierevue. Ihr erklärtes Ziel: Die Bundeswehr soll „die mächtigste konventionelle Armee Europas“ werden.
Diese Formel wiederhole Pistorius seit Monaten – und sie sei nun offizielle Doktrin, nicht mehr nur politische Rhetorik. Gleichzeitig habe die Bundeswehr Schwierigkeiten, den Geldzufluss organisatorisch zu verarbeiten: Trotz beispielloser finanzieller Mittel kämen Strukturreformen nur langsam voran.
Für Mandon ändert das nichts an der Grundrechnung. Mit 108,2 Mrd. Euro im Jahr 2026 und dem Pfad zu 167,8 Mrd. Euro 2029 werde Deutschland „vom Volumen her“ eine Armee aufbauen, die Frankreich mit seinen aktuellen Ressourcen nicht spiegeln könne.
Vor den Senatoren beschrieb Mandon den Kern des Problems als Zeitfenster: Frankreich verfüge über „operatives Kapital“ – Kampferfahrung, Projektion, Integration der Kräfte. Dieses Kapital erodiere, wenn der Budgetabstand bestehen bleibe. Ein qualitativer Vorsprung halte einem quantitativen Verhältnis von 1 zu 3 nicht unbegrenzt stand.
Bemerkenswert ist aus französischer Sicht ein Detail: In der von Pistorius veröffentlichten Strategierevue werde Frankreich kein einziges Mal erwähnt, so Mandon. Dieses Schweigen sei bereits ein Signal der Positionierung.
Frankreichs Nuklearwaffen als Trumpf – aber kein Ersatz für konventionelle Stärke
Paris hat in dieser Verschiebung einen Vorteil, den Berlin kurzfristig nicht kopieren kann: die nukleare Abschreckung. Im März kündigte Präsident Emmanuel Macron an, die Zahl der französischen Nuklearsprengköpfe zu erhöhen. Zugleich erklärte er, Frankreich werde künftig keine Details mehr zum Umfang seines Bestands veröffentlichen.
Macron ordnete den Schritt als „komplementär zur nuklearen Mission der NATO“ ein und sprach von einer eigenständigen „vorgeschobenen Abschreckung“. Mandon betonte vor dem Senatsausschuss: „Die nukleare Abschreckung ist Teil der Verteidigungsgleichung Europas.“ Er verwies auf die Lage: „Unser Kontinent erlebt Krieg, und wir wissen, dass Russland in der Lage ist, über die Ukraine hinauszugehen. Die amerikanische Präsenz nimmt im Übrigen ab.“
In dieser Konstellation bleibe Frankreich die einzige souveräne Nuklearmacht der Europäischen Union – daran ändere auch Berlins Budgetanstieg nichts. Zugleich räumte Mandon Grenzen dieses Arguments ein: Abschreckung ersetze keine konventionelle Masse. Sie schütze die nationale Existenz, projiziere aber nicht automatisch tägliche operative Handlungsfähigkeit in „infranuklearen“ Krisen, die weiterhin die Regel seien.
Macron hatte seit seiner Rede auf der Île Longue – dem zentralen Standort der französischen seegestützten Nuklearstreitkräfte – eine gemeinsame Debatte über europäische Abschreckung angestoßen und Partner aufgefordert, „gemeinsam nachzudenken“. Mandon griff das auf: „Wenn die Deutschen planen, bestimmte Arten leistungsfähiger Raketen zu produzieren, betrifft das auch Frankreich. Wir müssen mehr kommunizieren.“
Der Artikel zieht daraus eine strategische Konsequenz: Wenn FCAS aus dem Tritt gerät, die Budgets auseinanderlaufen und die strategische Abstimmung schwach bleibt, droht die französische Abschreckung ein isolierter Pfeiler zu bleiben – statt ein Hebel innerhalb einer kohärenten europäischen Verteidigung. Welche Schlagkraft Paris bis 2030 tatsächlich finanzieren kann, hängt am Ende am Budgetkompromiss zwischen Regierung und Senat: 76,3 oder 83,9 Mrd. Euro. Berlin, so die Botschaft, wartet nicht.
