Airbnb will nicht länger nur dann auf dem Smartphone erscheinen, wenn einmal im Jahr eine Ferienwohnung gebucht wird. Konzernchef Brian Chesky treibt einen Strategiewechsel voran: Aus der Unterkunftsplattform soll ein digitaler Rundum-Schalter für Reisen werden – mit Erlebnissen, Dienstleistungen und Empfehlungen, gebündelt in einer App.
Dafür kündigt das US-Unternehmen Investitionen in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar an. Der Schritt zielt direkt auf die Platzhirsche Booking und Expedia, die seit Jahren komplette Reisepakete aus Hotels, Transport und Aktivitäten verkaufen. Airbnb setzt dagegen auf das Versprechen individuellerer Reisen – und muss zugleich erklären, wie sich Wachstum, Qualität und die Belastung von Städten miteinander vereinbaren lassen.
Chesky will aus gelegentlicher Nutzung einen wöchentlichen Reflex machen
Sommaire
- 1 Chesky will aus gelegentlicher Nutzung einen wöchentlichen Reflex machen
- 2 Hunderte Millionen Dollar für neue Funktionen, Services und „Erlebnisse“
- 3 Gegen Booking und Expedia fehlt Airbnb eines: ein riesiges Hotelinventar
- 4 Der eigentliche Kampf dreht sich um Aufmerksamkeit – und um die „Super-App“ fürs Reisen
- 5 Airbnb setzt auf Erlebnisökonomie – und auf die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen
- 6 Wichtige Punkte
- 7 Häufig gestellte Fragen
- 8 Quellen
Der Ausgangspunkt ist für Airbnb ernüchternd: Die App wird nach eigener Einschätzung meist nur „ein- oder zweimal im Jahr“ geöffnet – typischerweise kurz vor der Buchung. Für eine Plattform, die dauerhaft im Alltag der Nutzer verankert sein will, ist das zu wenig.
Chesky formuliert deshalb ein ambitioniertes Ziel: Airbnb soll „ein- bis zweimal pro Woche“ genutzt werden. Das funktioniert nur, wenn die App mehr bietet als die Suche nach einer Unterkunft. Künftig soll sie Nutzer schon in der Inspirationsphase abholen, während der Reise begleiten und auch danach relevant bleiben – etwa über Empfehlungen, Buchungen von Aktivitäten oder ergänzende Services.
Der Vergleich mit Amazon ist dabei bewusst gewählt: erst ein klarer Kern, dann schrittweise Ausbau zum Ökosystem. Airbnb will erreichen, dass Reisende nicht mehr zwischen Preisvergleich, Messenger, Stadtführer und Aktivitätsplattformen springen, sondern möglichst viele Entscheidungen in einer Oberfläche treffen.
Hunderte Millionen Dollar für neue Funktionen, Services und „Erlebnisse“
Der Umbau von einer Buchungs-App zur Reiseplattform ist technisch und organisatorisch aufwendig. Airbnb will deshalb mehrere hundert Millionen US-Dollar in Produktentwicklung, Inhalte und die Integration neuer Angebote stecken – von Suche und Bezahlung bis zu Support und einer konsistenten Nutzerführung auf dem Smartphone.
Im Zentrum stehen „Erlebnisse“ und ergänzende Dienstleistungen. Gemeint sind buchbare Aktivitäten und Angebote rund um den Aufenthalt, die den Reiseablauf vereinfachen sollen. Die Logik: weniger Reibung, weniger App-Wechsel, mehr Buchungen an einem Ort.
Airbnb verweist dabei auf seine Reichweite: rund 4,5 Millionen Unterkünfte in 81.000 Städten sowie mehr als 300 Millionen Gäste, die bereits über die Plattform übernachtet haben. Diese Bestandskundschaft ist ein Hebel, um zusätzliche Angebote zu vermarkten und den Umsatz pro Reise zu steigern. Für Gastgeber betont Airbnb in den vergangenen zehn Jahren seien mehr als 41 Milliarden US-Dollar an Zusatzeinnahmen erzielt worden.
Mit dem Ausbau wächst auch die Verantwortung: Wo heute schon Streitfälle zu Sauberkeit, Schlüsselübergabe oder Nachbarschaftskonflikten auftreten, kommen bei Aktivitäten und Services neue Fehlerquellen hinzu. Je breiter das Angebot, desto wichtiger werden Standards, Qualitätskontrollen und ein belastbares Beschwerdemanagement – sonst kippt das Versprechen der Einfachheit schnell ins Gegenteil.
Gegen Booking und Expedia fehlt Airbnb eines: ein riesiges Hotelinventar
Der Vorstoß ist auch eine Attacke auf das Kerngeschäft von Booking und Expedia. Beide Plattformen arbeiten seit Jahren mit hochstandardisierten Angeboten und verweisen auf Millionen gelisteter Hotels, die sich leicht vergleichen lassen. Airbnb dagegen verfügt im Hotelbereich nur über „einige Tausend“ Unterkünfte – zu wenig, um allein über Katalogtiefe zu gewinnen.
Booking setzt auf das Konzept der „vernetzten Reise“: Flüge, Transfers, Taxis und Aktivitäten sollen im selben Buchungstunnel bleiben. Airbnb kontert mit einer anderen Erzählung – persönlicher, erlebnisorientierter, weniger austauschbar. Im Kern geht es aber um dasselbe: Aufmerksamkeit binden, Transaktionen abschöpfen und Kunden über Zusatzleistungen dauerhaft im eigenen System halten.
Für Reisende zeigt sich der Unterschied bei kurzen Städtereisen. Booking liefert schnell eine lange Liste ähnlicher Hotels mit klaren Standards und oft flexiblen Stornobedingungen. Airbnb punktet mit besonderen Unterkünften, muss aber stärker Vertrauen schaffen – bei Qualität, Sicherheit und der Lösung von Problemen. Mehr Services und mehr Kontaktpunkte sollen diese Lücke schließen.
Damit wächst ein Risiko: Je stärker Airbnb standardisiert, um Skalierung und Verlässlichkeit zu sichern, desto eher verliert die Plattform das, was sie groß gemacht hat – das Gefühl des Besonderen. Diese Spannung zwischen Wachstum und Differenzierung wird auch in der Forschung zur Plattformökonomie immer wieder beschrieben.
Der eigentliche Kampf dreht sich um Aufmerksamkeit – und um die „Super-App“ fürs Reisen
Hinter der Strategie steht ein harter Mechanismus der Digitalwirtschaft: Wer selten genutzt wird, verliert Sichtbarkeit. Große Plattformen kaufen Reichweite über Werbung, Kooperationen und Systemintegration. Eine App, die nur zur Buchung geöffnet wird, bleibt in diesem Wettbewerb ein intermittierender Akteur.
Airbnb will deshalb mehr „Mikromomente“ erzeugen, in denen Nutzer die App öffnen – auch ohne konkrete Buchungsabsicht. Das Prinzip ähnelt dem Onlinehandel: Man kommt wegen eines Produkts und bleibt wegen des Ökosystems. Übertragen auf Reisen heißt das: Unterkunft suchen, dann Aktivitäten hinzufügen, Empfehlungen speichern, Details anpassen – und immer wieder zurückkehren.
Für lokale Anbieter kann das Folgen haben. Tourismusbüros, spezialisierte Aktivitätsplattformen oder Concierge-Dienste könnten an Sichtbarkeit verlieren, wenn Airbnb zur dominanten Oberfläche wird. Wer nicht integriert ist, findet im Zweifel nicht statt – ein typischer Effekt von „Alles-in-einer-App“-Modellen.
Zugleich gilt: Mehr Komfort bedeutet nicht automatisch bessere Reisen. Wenn eine Plattform zusätzliche Optionen aggressiv ausspielt, kann das auch zu dichterem Konsum führen – mehr Aktivitäten, mehr Bewegungen, mehr Druck auf ohnehin überlaufene Orte. Für Städte, die bereits über Ferienvermietung und Wohnraumeffekte streiten, wird die Frage drängender, wie stark eine einzelne App touristische Ströme lenken darf.
Airbnb setzt auf Erlebnisökonomie – und auf die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen
Airbnb verkauft nicht nur Übernachtungen, sondern ein Versprechen: Reisen sollen sich persönlicher anfühlen, weniger standardisiert. Das passt zur sogenannten Erlebnisökonomie, in der der Wert eines Angebots stark über Erinnerungen, Einzigartigkeit und Inszenierung entsteht. Aktionen wie kuratierte „Night At“-Formate stützen dieses Markenbild.
Der Trend ist real: In Frankreich etwa wächst der Markt für „ungewöhnliche Unterkünfte“; für 2023 werden 430 Millionen Euro Umsatz und 1,2 Millionen Übernachtungen genannt. Solche Zahlen liefern Airbnb Argumente, das Angebot jenseits klassischer Ferienwohnungen auszubauen und Erlebnisse stärker zu monetarisieren.
Ein Branchenberater bringt die Wette auf den Punkt: Airbnb wolle zur „Fernbedienung für Reisen“ werden – nicht nur zum Unterkunftskatalog. Genau darin liegt die Herausforderung: Authentizität versprechen und gleichzeitig Prozesse industrialisieren, um Qualität und Skalierung zu sichern.
Für Kommunen und Regulierer wird damit eine alte Debatte neu aufgeladen. Schon heute steht Airbnb in vielen Städten – von Paris bis Berlin – wegen touristischer Verdichtungen und Auswirkungen auf Wohnungsmärkte in der Kritik. Wenn die Plattform künftig nicht nur Unterkünfte vermittelt, sondern auch Aktivitäten und Services steuert, könnte ihr Einfluss auf Reiseentscheidungen und Besucherströme weiter wachsen.
Wichtige Punkte
- Airbnb will von einer Buchungs-App zu einem vollständigen Reise-Ökosystem werden
- Brian Chesky strebt eine wöchentliche Nutzung an und kündigt Investitionen in Höhe von mehreren hundert Millionen an
- Der Wettbewerb mit Booking und Expedia entscheidet sich über Aufmerksamkeit und die Integration von Dienstleistungen
- Airbnb startet mit einem begrenzten Hotelinventar im Vergleich zu den Millionen von Hotels, die bei seinen Rivalen gelistet sind
- Die Erlebnisökonomie und außergewöhnliche Unterkünfte stützen die Strategie, mit Auswirkungen für die Regionen
Häufig gestellte Fragen
Warum spricht Airbnb vom „Amazon des Reisens“?
Weil das Unternehmen eine All-in-one-Plattformlogik nachbilden will, bei der die Unterkunft nur der Ausgangspunkt ist und der Nutzer anschließend auch Erlebnisse und Services in derselben App findet – mit dem Ziel, die Nutzungsfrequenz zu erhöhen.
Welche Investitionen plant Airbnb für diese Transformation?
Airbnb kündigt Investitionen in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar an, um seine App auszubauen, neue Funktionen zu entwickeln und ein Reise-Ökosystem zu schaffen, das über die reine Vermietung von Unterkünften hinausgeht.
Worin liegt Airbnb hinter Booking und Expedia zurück?
Im Hotelbereich listen Booking und Expedia Millionen von Hotels, während Airbnb nur einige Tausend anbietet. Airbnb versucht dies daher durch eine Strategie zu kompensieren, die auf Erlebnisse, Services und eine andere Erzählweise des Reisens setzt.
Welche Rolle spielen Erlebnisse in der Strategie von Airbnb?
Erlebnisse sollen die Nutzung der App während des Aufenthalts ausweiten – nicht nur zum Zeitpunkt der Buchung. Sie stärken außerdem Airbnbs Positionierung rund um das Außergewöhnliche und die Experience Economy, über einen bloßen Unterkunftskatalog hinaus.
Welche Risiken bringt diese Erweiterungsstrategie mit sich?
Eine stärker „All-in-one“-Plattform muss Qualitätsstandards über vielfältige Services hinweg sicherstellen, mehr Streitfälle managen und kann den touristischen Druck auf bestimmte Orte erhöhen. Sie riskiert außerdem, das Angebot zu standardisieren, was die ursprüngliche Einzigartigkeit der Marke verwässern kann.
Quellen
- Airbnb voit très grand et dévoile son plan pour devenir le Amazon du voyage
- [PDF] Habiter l'inhabitable: analyse des stratégies d'enchantement et de la …
- Airbnb et Booking : deux récits du voyage pour une même bataille de l’hébergement touristique
- Airbnb s'attaque à Booking avec une offensive dans les hôtels et les voitures
- Airbnb dévoile sa stratégie pour rendre le voyage magique pour tous

